
Da der Begriff der starken Frauen bereits in der Headline auftaucht, ist es eigentlich zwangsläufig, mit dieser Person nun Teil 2 meiner Best-of-Leseliste 2025 zu beginnen, denn es gibt kaum eine Frau, die in den letzten Jahren einen derartig starken Eindruck bei mir hinterlassen hat, wie diese: Margot Friedländer.
6. Margot Friedländer mit Malin Schwerdtfeger: „Versuche, dein Leben zu machen.“ Als Jüdin versteckt in Berlin
Schon seit langer Zeit wollte ich diese bereits 2008 im Rowohlt Verlag erschienene Autobiografie lesen, im Januar 2025 kam es nun endlich dazu, es ist das Jahr, in dem Margot Friedländer am 9. Mai 2025 mit 104 Jahren verstorben ist. Was mich an dieser Frau begeistert, das ist nicht nur ihr unerschöpfliches Engagement gegen das Vergessen, sondern es ist auch und vor allem ihre Fähigkeit zum Neuanfang, sie hat sich nicht in erster Linie als Opfer gesehen, sondern als Holocaust-Überlebende, die den Dialog mit den Menschen und den Glauben an das Menschliche zu ihrem Credo machte. Erst wollte ich schreiben, es ist ihre Fähigkeit, verzeihen zu können, doch ich fürchte, es ist anmaßend, dies zu behaupten.
„Schaut nicht auf das, was Euch trennt. Schaut auf das, was Euch verbindet. Seid Menschen, seid vernünftig.“ (Margot Friedländer)
Die meisten werden mit Margot Friedländers Biografie im Wesentlichen vertraut sein. Sie war eine jüdische Frau, die 1921 als Anni Margot Bendheim in Berlin geboren und dort auch aufgewachsen ist. Nach 1933 wurde es für die Familie immer schwieriger, ihr Leben in Berlin zu führen. Die Eltern ließen sich 1937 scheiden, mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Ralph wartete Margot jahrelang auf ein erlösendes Ausreisevisum für die USA, Brasilien oder auch China, leider vergeblich, letztlich beschlossen sie, sich zu Verwandten nach Schlesien durchzuschlagen. Im Januar 1943 – seit vier Monaten trugen sie bereits den gelben Stern – rückte diese Flucht näher, am 20. Januar sollte es so weit sein, sie wollten sich vorher nochmals in der Wohnung in der Kreuzberger Skalitzer Straße, in der sie zur Untermiete wohnten, treffen, um Details abzustimmen. Als Margot dort eintraf, waren ihre Mutter und ihr Bruder Ralph bereits von der Gestapo abgeholt worden. Ab jetzt war sie auf sich allein gestellt, entfernte noch in der Skalitzer Straße den gelben Stern von ihrem Mantel und schlug sich als sog, „U-Boot“ von einem Versteck zum nächsten durch.

Das Einzige, was ihr von ihrer Familie blieb, war die Handtasche ihrer Mutter und ein Rat, den ihr ihre Mutter über die Nachbarin ausrichten ließ, von ihrer Familie wird Margot nie wieder etwas hören, sie werden gleich nach deren Ankunft in Auschwitz ermordet.
„Jemand drückte mir etwas in die Hand. Ihre Handtasche. (…) Ich öffnete den Verschluss. Das Adressbuch, in das meine Mutter alle wichtigen Adressen eingetragen hatte, als sie sich um unsere Auswanderung bemühte. Die Bernsteinkette. Das war alles. Ich suchte nach einem Brief von ihr, einer Nachricht. Nichts. Die Nachricht, die meine Mutter mir schickte, stand nicht auf einem Zettel. ‚Versuche, dein Leben zu machen.'“ (S. 109)
Diese Ausnahmesituation ist auch in dem Buch eine harte Zäsur – ab diesem Moment begleitet man Margot von einem Unterschlupf zum nächsten, sie versucht, unsichtbar und äußerlich eine andere Person zu werden, sie färbt sich die Haare, selbst ihre Nase lässt sie operieren – all das in in einem Zwischenraum der Illegalität, immer kurz davor, aufzufliegen. Margots letztes Versteck ist bei mutigen Menschen in der Berliner Fasanenstraße, ein schwerer Fliegerangriff im April 1944 führt dazu, dass sie sich mit ihren Rettern in den öffentlichen Bunker am Zoo in vermeintliche Sicherheit bringt. Als der Angriff vorbei ist, gerät die kleine Gruppe auf dem Rückweg auf der Joachimstaler Straße in die Hände sog. „Greifer“, ein Begriff, der für Juden benutzt wurde, die der SS halfen, untergetauchte alte Bekannte aus der jüdischen Gemeinde aufzuspüren. Sie werden in eine Passkontrolle verwickelt, Margot kann sich nicht ausweisen. Nach 15 Monaten im Untergrund wird sie in das KZ Theresienstadt deportiert und trifft dort auf einen alten Berliner Bekannten, den sie vorher nie besonders attraktiv gefunden hat. Doch auch der Austausch mit ihm in Theresienstadt hilft ihr dabei, durchzuhalten und die innere Stärke zu entwickeln, auch diesen Ort zu überleben. Kapitel 9 des Buches trägt die Überschrift „Schwimme oder versinke“, Margot entschließt sich zu schwimmen. Gemeinsam mit diesem alten Bekannten aus dem jüdischen Kulturbund, Adolf Friedländer, beginnt sie ein neues Leben in New York, im Juli 1946 kommen sie mit dem Schiff dort an, Margot ist 25 Jahre alt. Es war keine Liebesheirat, wird sie später im Rückblick sagen, aber es ist eine Ehe, die über 50 Jahre halten wird. Erst nach dem Tod ihres Mannes wird Margot Friedländer ihre Geschichte erzählen. 1997 nimmt sie an einem Workshop in New York teil, der den Titel trägt „Write your Memoirs“. Ihre erste Reaktion:
„Das war nichts für mich. Ich bin keine Schriftstellerin. Eine Geschichte habe ich. Aber diese Geschichte ist verknüpft mit dem Leiden und Sterben von vielen Millionen Menschen. Wie kann ich darüber schreiben?“
Letztlich schreibt sie ihre besondere Geschichte doch in einigen Nächten auf, nach der langen Zeit in New York schreibt und denkt sie auf Englisch. Wenige Jahre später – 2003 – kommt Margot Friedländer erstmals auf Einladung des Senats zurück nach Berlin, erkennt diese Stadt natürlich kaum mehr wieder. Das Haus in der Fasanenstraße, ihr letztes Versteck, steht nicht mehr, aber das Gebäude in der Skalitzer Straße 32 in Kreuzberg, wenn ich daran auf dem Weg nach Kreuzberg vorbeifahre, muss ich immer wieder an Margot Friedländers Geschichte denken. Tatsächlich wird sie im Februar 2010 im Alter von 89 Jahren nach Berlin zurückkehren, dieses Mal für immer. Ihre Motivation: Sie möchte ihre Biografie mit jungen Menschen teilen, auf diese persönliche Art zum Bewahren der Erinnerung beitragen, um so eine mögliche Wiederholung der Geschichte aufzuhalten. Bis zu dreimal in der Woche erzählt sie in Schulen und anderen Einrichtungen ihre Erfahrungen, diskutiert, stellt sich den Fragen der Kinder und Jugendlichen. Ihr wurden zahlreiche Ehrungen zuteil – das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, die Ehrendoktorwürde am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der FU Berlin, um nur einige zu nennen -, aber es ging ihr immer um die Sache an sich und die nächsten Generationen, nie um die Preise. Eine energiegeladene und mutige Frau mit unermüdlichen Engagement und ja, es mag kitschig klingen, eben auch mit einem großen Herzen.
Fazit: Auch wenn es in diesem Buch sicherlich nicht um literarische Raffinesse geht, so ist die Beschäftigung mit der darin erzählten Geschichte für mich ein wirkliches Anliegen. Unbedingt lesen, natürlich!

7. Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary
Auf dieses Buch habe ich 2025 definitiv hingefiebert und schon sehr früh Tickets für die Illies-Lesung im Berliner Renaissance-Theater am 21. Oktober organisiert, um als besondere Beute ein signiertes Exemplar des gerade erschienenen Buches „Wenn die Sonne untergeht. Die Familie Mann in Sanary“ zu ergattern. Dass ich einen besonderen Faible für Exilliteratur (und Frankreich) habe, ist inzwischen allzu gut bekannt. Und da ich zudem selbst auf den Spuren der vertriebenen und in Deutschland verbotenen Autoren in Sanary-sur-Mer unterwegs war, freute ich mich sehr auf Illies besonderen Recherchen und Entdeckungen, wie immer mit sehr viel Sprachwitz pointiert erzählt. Einiges über die Familie Mann blitzte bereits auf in dem großartigen Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“, nun aber bekam diese spezielle Familie den Raum eines ganzen Bandes. Herrlich! Er ist ein Platzhirsch, keine Frage, die Moderatorin Shelly Kupferberg hatte einige Probleme, im Spiel zu bleiben, denn die Bühne gehörte absolut Florian Illies. Ich bin erklärter Fan seines scharfen Geistes und Humors, daher konnte ich den Abend genießen.

Ich war bislang der Meinung, dass mir die Manns schon wohlvertraut sind, doch Illies ist es wieder einmal gelungen, ganz besondere Highlights aufzuspüren, auch Fotografien, die bislang noch nicht bekannt waren, hat er in Archiven ausgegraben. Was das Buch für mich auch ausmacht, ist das feinsinnige Gespür für die Atmosphäre, die in dieser Familie geherrscht haben muss. Diese ist vor allem durch die absolute Konzentration auf die Abläufe des Hausherren geprägt, Thomas Manns Routinen und die gespürte Arroganz, die auch Frau Katia an den Tag legte, ließen nur wenig Raum für Empathie oder Liebe. Viel zuweilen auch Profanes aus Tagebüchern und Briefen steht neben Hochpolitischem, es ist Thomas Mann, der hier dem einen wie dem anderen Wert verleiht. Erkennbar ist, dass erst die älteren Kinder – allen voran Klaus und Erika Mann – die Eltern hellsichtig dazu bewegten, Deutschland bereits im Frühjahr 1933 den Rücken zu kehren und von einer Vortragsreise über Richard Wagner nicht mehr in die Münchener Villa zurückzukehren. Der anschließende Urlaub wurde unfreiwillig zum Exil.



Von der Schweiz aus ging es dann an die französische Riviera, doch Sanary-sur-Mer mutierte vor allem für Thomas Mann zu einem Ort, der nicht wahrhaft lebenswert war, um dort dauerhaft Wurzeln zu schlagen. Er hob sich arrogant ab von der illustren Gesellschaft dieses südfranzösischen Zentrums der deutschsprachigen Emigration, in der zahlreiche gute Bekannte aus der alten Heimat, wie Lion Feuchtwanger, Franz Werfel und viele andere, ebenfalls ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Es sind auch die Erzählungen über dieses besondere Klientel, die den Lesespaß steigern, der umtriebige britische Autor Aldous Huxley mit seiner spannenden Frau Maria, die schöne Eva Herrmann nebst Sybil Bedford, die exotisch anmutende Marta mit ihrem untreuen Mann, dem Erfolgsautor Lion Feuchtwanger, und viele mehr. Der sommerliche Aufenthalt der Eheleute Thomas und Katia Mann an der Riviera währte allerdings nur 3 Monate. Der frankophile in Nizza mit Nelly Kröger weilende Heinrich Mann besuchte seinen jüngeren Bruder häufig, die politischen Differenzen hatten sie in der Fremde zunächst begraben. Oft sind sie in Sanary auf der Promenade zu sehen, ganz die honorigen Lübecker Kaufmannssöhne, Illies Beschreibung lässt sie wieder lebendig werden:
„Beide Brüder halten beim Gehen die Hände hinter dem Rücken verschränkt, beide sind viel zu warm und viel zu elegant angezogen für diesen heißen Freitagabend am südlichen Hafen, aber sie tragen selbst ihren Schweiß mit Würde. Die halbnackten Kinder der Fischer feixen über die seltsamen Herren, die da zwischen ihren trocknenden Netzen herumstolzieren, als gingen sie zu einer Sitzung der Akademie für Dichtung.“ (S. 235)
Illies Begeisterung für sein Sujet, aber auch die für ihn typische Art des journalistischen, mosaikhaften Schreibens, das viele Vor-Ort-Recherchen mit sich bringt, ist aus jeder Seite herauszulesen. Auch er quartierte sich im Hôtel de la Tour ein, schrieb und las an einem Schreibtisch mit dem Ausblick, den auch einst Klaus Mann genossen hatte. Ich entdeckte dazu auf 3Sat-Kulturzeit ein kurzes Feature, in dem mich Florian Illies wieder besonders abgeholt hat, denn die Frage: „Gehen oder Bleiben“, mit der sich die gesamte Familie Mann gerade in diesen ersten Monaten der Emigration besonders beschäftigt hat, ist in unserer Zeit international so aktuell wie selten zuvor.
Fazit: „Wenn die Sonne untergeht“ – unbedingt lesen!

8. Thomas Blubacher: Weimar unter Palmen. Pacific Palisades. Die Erfindung Hollywoods und das Erbe des Exils
Perfekte Chronologie – denn an das Exil in Südfrankreich schloss sich für die glücklicheren der Exilanten die Emigration in die USA an, dabei war gerade die West Coast ein sehr begehrtes Ziel, da die Option, in der Traumfabrik Hollywood als Drehbuchautor anheuern zu können, überlebenswichtig schien. Der Autor und Regisseur Thomas Blubacher hat sich diesem Thema angenommen und begab sich mit einem Stipendium als „writer in residence“ für 3 Monate in die „Villa Aurora“ nach Pacific Palisades. Genau dieser Einstieg hat mir ganz besonders gut gefallen, denn dieses Anwesen der Eheleute Feuchtwanger, das vor allem Marta zum Zentrum kulturellen Lebens unweit von Los Angeles gemacht hat, würde auch ich allzu gerne einmal erleben. „Weimar unter Palmen. Pacific Palisades. Die Erfindung Hollywoods und das Erbe des Exils“, so lautet der Titel dieses wirklich gut recherchierten Sachbuchs.
Gegensätze ziehen sich an, aber sie stoßen sich eben auch ab – so könnte der Untertitel lauten, denn an diesem Exil-Ort werden die sozialen Unterschiede noch sehr viel deutlicher, als dies bereits in Sanary zu spüren war:
„Ohnehin war das Exil in Pacific Palisades nicht nur von Freundschaft, Anerkennung und Respekt geprägt. (…) wohl nirgends im Exil war die Disproportion der Lebensstile größer als im kleinen Pacific Palisades, wo mit Mann, Feuchtwanger, Ludwig und Baum vier der wirtschaftlich Erfolgreichsten lebten.“

Es gibt natürlich die Superstars, wie Thomas Mann – ein Kapitel über ihn trägt die Überschrift „Goethe in Hollywood lässt sich huldigen“ – und eben jener Lion Feuchtwanger, beide lebten feudal in Anwesen, die noch heute spannende Orte für Artists in Residence und kulturellen Austausch sind – Villa Aurora und Thomas Mann House. Dann gibt es natürlich auch den Bestseller-Autor Erich Maria Remarque, der seit dem Erfolg von „Im Westen nichts Neues“ ausgesorgt hatte und eine On-Off-Beziehung mit Marlene Dietrich unterhielt. Auch der Regisseur Max Reinhardt oder der Komponist Arnold Schönberg waren honorige Nachbarn der Familie Mann, Bruder Heinrich wiederum war im US-Exil dann komplett von den Zuwendungen seines erfolgreichen Bruders Thomas abhängig. Bertolt Brecht mit der patenten, aber eben nicht als Schauspielerin engagierten Helene Weigel schlug sich mehr recht als schlecht in Hollywood durch. Nach Hanns Eisler ist Brecht einer der ersten nicht mehr allzu wohlgelittenen, vermeintlich kommunistischen Exilanten, die 1947 vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“, dem gefürchteten Tribunal der McCarthy-Ära, aussagen musste und daraufhin die USA verließen. Seine Frau Helene Weigel verband in Hollywood eine enge Freundschaft mit der Österreicherin Salka Viertel, eine Drehbuchautorin, die für ihre Salons, in dem sich viele deutsche und österreichische Exilanten mit sehr unterschiedlich großem Portemonnaie tummelten. Auch einige Filmstars gingen hier ein und aus, Charly Chaplin ist sicherlich einer der berühmtesten auf ihrer Gästeliste.

Was mir an diesem Buch besonders gefiel das ist sicherlich das Wandern zwischen den Welten – auf der einen Seite gibt es sehr detailreiche Kapitel, die sich den „alten Dichtern“ im Exil widmen, dann wiederum liegt der Fokus auf Hollywood in seinen Anfängen und den Einflüssen der Emigranten, die ihren Namen auch entsprechend anpassten. So wurde aus dem in Galizien geborenen Samuel der berühmte Billy Wilder, ab 1934 konnte er – anfänglich mit einem Besuchervisum ausgestattet – in den USA leben, ab 1936 arbeitete er als für Paramount Pictures zunächst als Drehbuchautor. Mit der Komödie „Ninotchka“ mit Greta Garbo in der Hauptrolle begann seine Hollywood-Heldenreise. Harry Warner, der mit seinen Brüdern den Konzern der Warner Brothers gründete, wurde wiederum als Hirsch Moses Wonsal im heutigen Polen geboren. Der Universal-Gründer Carl Laemmle, der bei seinem Namen blieb, stammte aus der schwäbischen Provinz.
„Jene Traumfabrik, die sich als wesentlicher Motor für das rasche Wachstum von Los Angeles erweisen sollte, hatten fast ausnahmslos arme jüdische Einwanderer aufgebaut, viele davon Flüchtlingskinder, deren Familien in Osteuropa nach den Pogromen des 19. Jahrhunderts verlassen hatten.“ (S. 67)
Fazit: Sehr viel neuer historischer Input – das richtige Buch sowohl für Filmfreaks als auch für Literaturfans.
9. Regina Ahrem: Leuchtende Jahre. Aufbruch der Frauen 1926 – 1933
Und ich bleibe in dieser Zeit: Bereits in meinem Artikel über Mascha Kaléko habe ich das nächste Buch gefeiert, zumal der Titel ein Zitat der Dichterin ist, die diese letzte Phase der Weimarer Republik als „die paar leuchtenden Jahre vor der großen Verdunklung“ bezeichnet hat. In dem Buch der Journalistin Regine Ahrem werden die Biografien sehr unterschiedlicher Frauen erzählt und an einigen Stellen miteinander verknüpft, um diese Protagonistinnen geht es: Vicky Baum, Irmgard Keun, Gabriele Tergit, Marieluise Fleißer, Ruth Landshoff, Mascha Kaléko und Erika Mann. In jedem Jahr in der Zeit von 1926 bis 1933 kommen all diese Frauen an ihren jeweiligen Orten vor. So folgen wir zum Beispiel der Erfolgsautorin Vicky Baum von Berlin in das frühe Exil nach Los Angeles. Die anderen Zeitgenossinnen werden erst später Berlin oder München verlassen.

Ich habe in Regine Ahrems Buch viele neue Details über diese sehr besonderen Künstlerinnen erfahren, gerade auch die weniger bekannte Gerichtsreporterin und Autorin Gabriele Tergit wurde so für mich zu einer ausgesprochen spannenden Persönlichkeit, über die ich im Anschluss an dieses Buch mehr gelesen habe. Besonders mochte ich die absolut gekonnte Montage der jeweiligen Schnipsel aus dem Leben der einen mit jenem der anderen und deren Einbettung in die historischen Zeitläufte. Eines fiel mir außerdem auf: Es ist der weibliche Blick der Autorin auf die Frauen-Biografien, die hier die Zeitgeschichte in einem etwas anderen Farbspektrum erscheinen lassen, als dies zum Beispiel bei den von mir verehrten männlichen Autoren Florian Illies oder Volker Wittstock zu lesen ist. Es sind manchmal die kleinen, vielleicht auf den ersten Blick unwichtigen Details, die aber das Zeitkolorit so ganz besonders funkeln und lebendig werden lassen. So erleben wir Vicki Baum 1927 auf dem Kurfürstendamm, ein Zitat, das den Ton des Buches gut spüren lässt:
„Dort ist das Studio für Boxen und Leibeszucht, das unter der Ägide des Profiboxers Sabri Mahir zum Eldorado der Berliner Schickeria geworden ist. In Scharen strömen Schriftsteller, Schauspieler und Künstler in dieses berühmteste Boxstudio Berlin (…) auch Frauen. Vicki ist eine von ihnen. Und Marlene Dietrich auch. Für Vicki ist die Dietrich im Übrigen eine der feinsten Frauen, die sie kennt. Und die beiden gehören zu den wenigen, die das Durchhaltevermögen besitzen, es durchzuziehen. Nicht nur das Boxen.“ (S. 85f)
Fazit: Für alle, die sich gerne mit diesen kulturell bahnbrechenden Jahren der Weimarer Republik und ihren starken Künstlerinnen, die ihrer Zeit voraus waren, beschäftigen, ist dieses Buch genau das richtige.
Und weiter geht’s mit einem kleinen Zeitsprung – aber dieses Mal stehen weder Stars noch Prominente, sondern „ganz normale“ Frauen im Fokus.
10. Franziska Hauser und Maren Wurster (Hrsg.): Ost* West*frau*
Dieses Buch schenkte mir meine Kollegin im Sommer, sie hatte es aus Leipzig mitgebracht, dort sofort an mich gedacht, als sie es in einer Buchhandlung sah. Ich habe es noch am selben Nachmittag, bis es allmählich dunkel wurde, auf der Terrasse in meiner Hängematte verschlungen. Die „Ost-Berlinerin“ Franziska Hauser und die Schwäbin Maren Wurster, beide Mitte der 70er Jahre geboren, haben dieses Buch herausgegeben. Es ist eine Sammlung von Essays zahlreicher Autorinnen – auch zwei Männer kommen zu Wort – aus beiden Teilen der Republik, die letztlich die Frage beleuchten: „Wie hat eine im Osten oder im Westen erlebte Kindheit das jeweilige Selbstverständnis als Frau geprägt?“

Ich fühlte mich, wie könnte es anders sein, so sehr abgeholt von einigen westlichen Autorinnen, allen voran der von mir sehr geschätzten Journalistin und Schriftstellerin Katja Kullmann. Spätestens seit „Die Singuläre Frau“ bin ich ihr Fan, nun erfuhr ich, dass sie – wie ich – aus Hessen stammt und schon in frühen Jahren zum Studium nach Berlin kam. Auch sie hatte eine „Hausfrauenmutter“, die Brigitte wie die Frauenzeitschrift heißt. Von dieser hörte sie oft den Satz:
„‚Stell Dich nicht so an“‚, diese fiese Frauenformel, mit der erst sie und später dann auch ich großgeworden bin. Ist meine Mutter eine ‚typische Westmutter‘? Auf ihre Art: ja. Hat sie ‚typische Westkinder‘ erzogen? Tja …“ (Kullman, S. 217)
Wahrscheinlich kennen viele von uns diesen Spruch, im Osten wie im Westen. Was ich besonders mochte an dieser Textsammlung war die Tatsache, dass es nicht um eine Beweihräucherung der „guten alten Zeit“ ging, wieder Ostalgie noch Verklärung der BRD vor dem Mauerfall. Es waren eher erinnerte Zustandsbeschreibungen, die oftmals sehr treffend formuliert wurden. Wie bei mir ist vor allem bei den „West-Frauen“ im Buch der Bruch zwischen der Biografie der Mütter, die eben häufig typische westdeutsche Hausfrau waren, und dem eigenen Lebenslauf spürbar. Anders als in der DDR kam es bei den Töchtern viel häufiger zu einer „Weg-Entwicklung“ aus der tradierten Rolle, gerade die „Höhere Schule“ und das anschließende Studium weg von zu Hause machte vieles möglich:
„Internationalismus – Kosmopolitismus – Universalismus: Erst auf der Uni werde ich so richtig verstehen, was diese Wörter bedeuten. Und dann wird es noch einmal ein paar Jahre dauern, bis ich begreife, dass genau dies wohl das ‚Westlichste‘ an mir ist: die innige Zuneigung zum kosmopolitischen Universalismus. Und der Hang, die Dinge lieber selber in die Hand zu nehmen, bevor jemand anderes sich einmischt.“ (Kullmann, S. 223)
Die leider bereits verstorbene Autorin Mechthild Lanfermann verweist in ihrem Aufsatz „Wir erzählen uns Geschichten“ in einem ähnlichen Kontext auf diese jugendliche Entdeckung, dass die Welt doch viel größer sein könnte. Sie ist Mitglied in der Stadtbibliothek ihrer niedersächsischen Kleinstadt, die dort ausgeliehenen Bücher halten ein Erweckungserlebnis für sie bereit, das ihren Horizont maßgeblich erweitert. Auch ich habe das in meinem kleinen hessischen Provinzort ähnlich erlebt und ein erstes Gefühl des möglichen Aufbruchs in mir gespürt:
„(…) entdeckte sie erst hier, dass sie durch Geschichten eine andere werden konnte, dass die Bücher ihr ‚den Triumph des Nicht-sie-selbst-sein-Müssens‘ boten, wie Susan Sontag, die sie damals noch nicht kannte, einmal beschrieben hatte, als ‚die Möglichkeit, ein anderes Leben führen zu können.'“ (Lanfermann, S. 24)
Fazit: Für alle, die sich sehr gerne mit dem Genre „Memoir“ beschäftigen und es lieben, durch die Geschichten anderer Frauen an eigene „Erweckungserlebnisse“ erinnert zu werden, ist dieses Buch eine absolute Fundgrube. Die „Westfrauen-Texte“ bergen für mich viele eigene Erinnerungen, die „Ost-Frauen-Aufsätze“ wiederum den einen oder anderen überraschenden Einblick. Eine wirklich spannende Lektüre.
11. Doris Knecht: „JA, NEIN, VIELLEICHT“
Und dann ging es für mich im Sommer 2025 nach Österreich – zum einen mit Doris Knechts Buch „Ja, Nein, Vielleicht“ nach Wien und aufs Land, zum anderen im echten Leben zum „Sattlerwirt“ in Kufstein auf der Durchreise nach Abano Terme. Und genau wie in meinem Blog-Beitrag zu lesen ist, haben mich die dort gelesenen Bücher gerettet, um in der Fango-Grotte nicht komplett wahnsinnig zu werden. Ich entwickelte eine Art Galgen-Humor, hab es besonders geliebt, wenn die verschlungenen Seiten auch den einen oder anderen Anlass zum Lachen gaben.



Meine Reise startete daher perfekt mit Doris Knecht, und egal, ob im Biergarten des Gasthauses in Austria oder am Thermal-Pool in Abano, die erzählte Geschichte der Protagonistin – einer Single-Frau Mitte 50, deren erwachsene Kinder längst ihr eigenes Leben führen, hat mich oft schmunzeln lassen, was vor allem an Knechts Wortwitz und den treffenden Beobachtungen des Lebens an sich liegt. Es geht um sehr unterschiedliche Schwestern, Gemeinschaft versus Selbstständigkeit, die Malaisen des beginnenden Alters, die Liebe und die Affären jenseits der großen 5. Und letztlich auch um die Frage, wie es sich anfühlt, „wieder mal an einem Männerarm zu hängen“. Vieles davon ist autofiktional, die Ich-Erzählerin ist auch Schriftstellerin, so gerät auch eine Meta-Eben über das Schreiben in den Roman. Sie überlässt spontan ihrer Schwester, die Abstand sucht von ihrem Mann, die Stadt-Wohnung in Wien und zieht länger, als ihr lieb ist, in ihr Haus aufs Land und lässt sich zaudernd auf den in der Provinz wiedergetroffenen Jugendfreund Friedrich ein. Sie planen einen gemeinsamen Abend, den sie im Vorfeld zig Mal in ihrem Kopf hin- und her bewegt:
„Das Konzert fand auf einer dreißig oder vierzig Kilometer entfernten Burg statt, viel zu weit weg eigentlich, wir müssen mit dem Auto fahren, einer müsste nüchtern bleiben, und ich wusste nicht, ob ich das nüchtern durchstehen würde. Mittlerweile hatte ich recherchiert, dass Suzy Quatro schon fünfundsiebzig Jahre alt ist, und wahrscheinlich war dieses Konzert eine Freakshow mit einer verzweifelten Greisin, die keine Rente bekommt und deshalb auf die Bühne musste, bis sie dort tot umfiel. Ich würde mir wie eine Voyeurin vorkommen (…).“ (S. 152)
Und dann findet der Konzertabend doch statt – und das Date fühlt sich wider Erwarten richtig gut an:
„Wieder einmal an einer Männerhand durch eine Menge zu driften, nicht allein, wie sonst immer. Mal zu zweit zu sein, statt einzeln. Es gefiel mir, dass uns die Leute um uns herum für ein Paar hielten. (…) Man wird weniger gejudged, wenn man zu einem Mann gehört, das merkte ich unmittelbar nach der Trennung, und es klebt an einem kein L auf der Stirn: Loner, Loser, Lesbe, Luder. Man ist sozusagen man-approved und somit für andere Männer vorstellbar.“ (S. 169)
Auf meiner Liege im Rentner-Paradies Abano habe ich oftmals laut aufgelacht, so auch, nachdem ich zum Beispiel die hier zitierten Passagen las. Mag stalkerhaft peinlich klingen, aber danach habe tatsächlich Doris Knecht via Instagram geschrieben, da ich das Gefühl hatte, „kenn ich so gut“:
Meine Freundin Sabine sagte kürzlich so treffend zu mir über Doris Knecht: „Die würden wir als Freundin mögen.“ Und genauso ging es mir, als ich dieses Buch – und auch die vielen anderen der Autorin – beendet hatte, ich fühlte mich geistreich und gut unterhalten, im Grunde ein ähnliches Gefühl wie an einem weinseligen Abend mit guten, schlauen Frauen, die mich zum Glück so oft umgeben. Also unbedingt lesen, Ihr lieben, guten Freundinnen!

12. Chimananda Ngozi Adichie: „Dream Count“
Ich bleibe bei den guten Freundinnen, wandere aber weiter nach Amerika und vor allem auch nach Lagos, Nigeria. Dieses Buch bricht ein wenig heraus aus meinem sonstigen Lese-Repertoire. Ich las vor Jahren den 2013 erschienenen Roman „Americanah“ und bin seither ein absoluter Groupie von Chimananda Ngozi Adichie. Sie ist 1977 in Nigeria als Tochter eines Mathematikprofessors und einer Soziologin geboren. Seit ihrem legendären TED-Talk hat es der von ihr geprägte Slogan „We should all be feminists“ sogar 2016 als T-Shirt-Aufdruck auf den DIOR-Catwalk gebracht. Eine starke, engagierte, humorvolle Frau, die zu einer feministischen Ikone und zum internationalen Literatur-Superstar wurde. Sie ist in erster Linie natürlich auch eine unglaublich gute Erzählerin, fast 11 Jahre hat es allerdings gedauert, bis nun der neue große Roman „Dream Count“ 2025 auch auf Deutsch erschienen ist. Ein Fest!

Im Zentrum der Handlung stehen drei nigerianische Frauen, Chiamaka, ihre engste Freundin Sikora, Anwältin und alleinerziehende Mutter, sowie Chias Cousine Omelogor – alle drei Jet-Setterinnen aus der Oberschicht -, die vor allem in Amerika leben, aber auch in Lagos viel Zeit verbringen. Die vierte so ganz andere Frau ist Chiamakas Hausangestellte Kadiatou aus Guinea, mit der Adichie eine Verbindung zur Mee-Too-Bewegung und dem unsäglichen Fall Strauss-Kahn herstellt. Der englische Begriff „Dream Count“ bedeutet frei übersetzt die verpassten Chancen im Leben eines Menschen. Wir alle kennen sie. Im Roman sind es vor allem auch verpasste oder verpatzte Liebesgeschichten, die die Frage aufkommen lassen: „Wann genau hat es begonnen, dass uns unsere Träume abhanden gekommen sind?“ Aber der Fokus liegt nicht auf den Sex- und Liebesgeschichten, sondern auf den Frauengestalten, Chiamaka, die wohlsituierte in Amerika lebende Reiseschriftstellerin, und ihre mutige Cousine, die in Nigeria arbeitende Bankerin Omelogor, haben sich mir besonders eingeprägt.
Die Literaturkritik war nicht allzu euphorisch, die Latte war mit „Americanah“ sehr hochgelegt. So war in der TAZ zu lesen, das Setting beinhalte „Sex and the City-Kontroversen“, vielleicht mochte ich den Plot ja gerade deshalb. Nein, ich glaube, was mich an den Büchern von Adichie fasziniert, ist die Tatsache, dass sie mit den Klischees bricht, die sich die amerikanische – und wahrscheinlich auch unsere Gesellschaft – von afrikanischen Frauen macht. Sie spricht eine Art „internationale“ Sprache, die vor allem auch Lust auf mehr afrikanische Literatur macht. Allen, die noch nichts von dieser großen Autorin gelesen haben, empfehle ich jedoch, mit „Americanah“ zu beginnen. „Dream Count“ mit seinen 528 prallen Seiten verdient es aber auf jeden Fall nun als Final-Titel meine“TOP-12-2025″ abzuschließen. Für alle neugierigen Frauen, die gerne auch einmal in andere Kulturen eintauchen, und ja, auch für (einstige) Fans von „SATC“.

Das ist natürlich nicht von Dior … aber es bleibt auch als Fake (m)ein Statement
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