
Picasso und kein Ende, ja, so würde ich tatsächlich mein „Verhältnis“ zu diesem Ausnahmekünstler beschreiben. Ein zwiegespaltenes ist es zudem, auf der einen Seite sehe ich die Werke dieses Mannes, der sich immer wieder neu erfunden und wie kaum ein anderer Kunststile geprägt und andere Künstler beeinflusst hat. Er spielte zudem auf gefühlt allen Klaviaturen, war als Maler so brillant wie als Bildhauer, wandte sich letztlich auch der Keramik zu, ich wiederum liebe ganz besonders die kleinen Grafiken, die so alltäglich und flüchtig auf jedem greifbaren Stückchen Papier – wie einer Streichholzschachtel im Café – entstanden sind. Seltsamerweise könnte ich gar nicht auf Anhieb sagen, welches mein Lieblingswerk Picassos ist, wahrscheinlich begeistert mich vor allem seine Wandelbarkeit, auch der Witz, der in vielen Zeichnungen steckt, dazu die Farbkraft vieler Portraits. Es sind auch die besonderen Orte, an denen man Picasso sehen kann – vor allem in Frankreich, der Wahlheimat des Künstlers aus Málaga, der bis zu seinem Lebensende nie mehr einen Fuß in das Franco-Spanien setzte, die mich begeistern. Daher hat mich Picasso schon immer auf meinen Reisen in mein Lieblingsland begleitet.



Musée Picasso Paris
Mit der Frage: „War Pablo Picasso wirklich der größte Maler des 20. Jahrhunderts?“ beschäftigen sich wiederum Florian Illies und Giovanni di Lorenzo in dem bereits erwähnten und von mir immer wieder sehr gerne gehörten Podcast der „Zeit“ mit dem Titel „Augen zu“. Ein perfekter Einstieg, um sich dem Künstler zu nähern:
https://www.zeit.de/kultur/2021-08/pablo-picasso-kuenstler-erfolg-kunstpodcast
„War Pablo Picasso wirklich der größte Maler des 20. Jahrhunderts?“
Ich erwähnte aber auch bereits meine Ambivalenz, denn tatsächlich handelt es sich bei Picasso für mich um eine Person, bei der ich den genialen Künstler von dem durchaus herausfordernden Mann trenne. Eine Debatte, die in letzter Zeit oftmals medial geführt wird: Ist eine Trennung von Werk und Autor tatsächlich möglich? So wurde in diesem Kontext zum Beispiel eine hitzige Diskussion über die Musik der Band Rammstein geführt, absolut „not my cup of tea“ – und nun weniger denn je! Ich selbst wiederum las gerade den brillanten Essay von Florian Illies über Gottfried Benn, der sich mit einer ähnlichen Frage beschäftigt und letztlich – trotz dessen Verblendung zu Beginn der NS-Zeit – doch an seinem auch von ihm kontrovers diskutierten Lieblingsdichter festhält. Der kleine Band ist in der Reihe „Bücher meines Lebens“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
Ein weiter, etwas bizarrer Bogen – zugegebenermaßen -, um über Rammstein und Benn nun endlich wieder bei Picasso anzukommen. Bei ihm ist es das Verhältnis zu den Frauen seines Lebens, das mich immer wieder wütend bis fassungslos macht. In meinem Beitrag über Dora Maar ging ich bereits darauf ein, sie waren alles für ihn, zu Beginn der Liaison gefeiert wie Göttinnen, wurden sie spätestens am Ende eher behandelt wie „Fußabstreifer“, so die FAZ-Feuilletonistin Rose-Maria Gropp, die Françoise Gilot in ihrem Buch über „Göttinnen und Fußabstreifer. Die Frauen und Picasso“ zitiert. Bemerkenswert die Reihenfolge, denn es heißt nicht, wie vermutet: „Picasso und die Frauen!“. Ich bin sehr weit davon entfernt, eine Picasso-Kennerin zu sein, und meine kleine Lektüre-Auswahl verrät auch schon, dass mich die Frauen an seiner Seite bislang mindestens so sehr interessiert haben wie er selbst:

Ebenfalls um eine wichtige Frau im Leben des Malers ging es im wunderschönen Musée Picasso im Marais, als ich im Juni 2022 in Paris war. Maya Ruiz-Picasso, die Tochter, die Picasso mit seiner langjährigen Parallel-Geliebten Marie-Thérèse Walter hatte, stand hier im Fokus der gezeigten Ausstellung. Ich hatte mich in einem kleinen Apartment in der Rue Charlot im Marais untergebracht. Der überdachte und absolut sehenswerte Marché des Enfants Rouges befindet sich in derselben Straße. Der charmante Vermieter wiederum hatte mich sofort mit einem Welcome-Home-Gutschein eingefangen, dieser ließ mich über das eine oder andere Manko des winzigen Erdgeschoss-Appartements in der doch recht dunklen Remise schnell hinwegsehen. Ich durfte mir beim Blumenhändler auf dem Marché ein Bouquet holen, das für mich arrangiert war. Eine wunderbare Idee, denn so beschenkt startet jede Reise mit dem Blick auf die wirklich schönen Details, und die bietet Paris für mich an fast jeder Ecke. Meine erste Exkursion führte mich dann auch gleich zum Blumenstand in der Markthalle, direkt nachdem ich meinen Koffer im „Studio“ deponiert hatte. Mit meinen rosa Rosen gönnte ich mir ein erstes Glas Champagner in der Bar „Le Barbouille“ in der Rue de Bretagne. Ich schaute mir das rege Treiben an und kam sofort an. Ich war froh, dass die eine oder andere Passantin mit Hund und Einkaufskorb den Eindruck erweckte, wirklich keine Touristin zu sein. Ich liebe den lässigen Stil der französischen und allen voran der Pariser Frauen und kann mich tatsächlich mit großer Ausdauer diesen „Millieustudien“ hingeben.



Gleich am nächsten Morgen aber ging es dann zum Musée Picasso, dieses wurde in dem im 17. Jahrhundert errichteten „Hôtel Salé“ – eine Art Stadtpalais – im Jahr 1985 eröffnet. Es nimmt einen sofort gefangen, sobald man das Foyer mit dem imposanten Treppenhaus betritt, großzügige Ausstellungsräume bergen zahlreiche Exponate des Künstlers. Für alle Picasso-Liebhaber ist dieses ihm gewidmete Museum ein absolutes „Must-see“.



Ich wurde auf meinem Rundgang von einer Pariser Grundschulklasse immer wieder eingeholt und muss gestehen, dass ich zunächst ziemlich genervt war. Tatsächlich aber fand ich es peu à peu spannend zu sehen, wie einzelne Schüler vor allem von den Picasso-Skulpturen dazu animiert wurden, eigene Zeichnungen anzufertigen. Er ist ein Künstler, der im Grunde alle Generationen anspricht, den fast bis zum Schluss eine gewisse Kindlichkeit begleitete, die ihn so offen für die unterschiedlichsten Materialien und das Experimentieren mit Formen und Farben machte. Er ließ sich nie festlegen, ordnete sich keiner Zeitströmung unter, überraschte künstlerische Begleiter und die Kritik gleichermaßen. Bei ihm wird ein Fahrradlenker zum Stierkopf, „Papier collé“ heißt wiederum eine Frühform der Collage, mit der Picasso und auch Braque in der frühen Phase des Kubismus um 1912 Stillleben entstehen ließen.
Die 1935 geborene Tochter Maya Ruiz wurde von Picasso oftmals portraitiert – allein in den Jahren 1938 und 1939 fertigte er 14 Bildnisse von ihr mit den Titeln „Maya mit Puppe“, „Maya im Boot“ etc. Angeblich hat keines der Picasso-Kinder so viel Zeit mit dem Künstler verbracht wie Maya, es heißt, sie als die älteste Tochter stand ihrem Vater am nächsten, sie starb am Ende des Jahres 2022, kurz zuvor fand eben jene Ausstellung im Marais statt.

Im stilvollen Aufgang der ersten Etage ist ein Porträt ihrer Mutter Marie-Thérèse Walter zu bewundern, Picasso hat diese im Alter von erst siebzehn Jahren vor dem Warenhaus „Galerie Lafayette“ angesprochen, sie wurde sehr rasch zu seinem Modell und letztlich langjährigen heimlichen Geliebte. Sie ist in seinem Werk ausgesprochen präsent, ihre Portraits werden auf internationalen Auktionen hoch gehandelt, so erzielte das Werk „Femme au Béret et à la Robbe Quadrillée“ 2018 bei Sotheby’s einen Verkaufspreis von 69,4 Millionen $. Marie-Thérèse gehört zu den Frauen des Künstlers, die ihr Leben Picasso im Grunde gewidmet haben. Vier Jahre nach seinem Tod nimmt sie sich im Jahr 1977 das Leben. Gropp bezeichnet sie als die „Schattenfrau“, da sich die Beziehung der beiden acht Jahre im Verborgenen abgespielt hat.
„Um Picasso gab es ein regelrechtes Geflecht von Frauen, eng untereinander verwoben, in dessen Zentrum er zu nisten beliebte. (…) Er brauchte die immer neue Frau, er wollte die immer jüngere Frau, die seine Potenz in jedem Sinne beglaubigte. Nennen wir diese Verflechtungen das ‚System Picasso‘.“ (Gropp, S. 9)
Nach Dora Maar hat sich die Schriftstellerin Brigitte Benkemoun auch dieser Gefährtin Picassos zugewandt, deutlich wird, dass sie wirklich Muse und Modell war, keineswegs eine eigene künstlerische Karriere – wie Dora Maar oder Françoise Gilot – vorweisen konnte. „Sa vie pour Picasso“, dieses 2022 gerade frisch verlegte Taschenbuch erstand ich im Museums-Shop, hoffte, dass mein Französisch dafür ausreichen würde, was leider nicht ganz hinhaute. Dennoch war auch so schnell spürbar, dass für mich sicherlich Dora, die Marie-Thérèse als Begleiterin im Grunde abgelöst hat, die weitaus spannendere Person war.
Besonders interessant ist auch die obere Etage des Museums, hier sind zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos und kurze Filme über die Stationen des Lebens von Picasso zu sehen. Natürlich auch die Arbeit an Guernica, mich wiederum haben die Szenen in Südfrankreich im Kreise der surrealistischen Künstler, mit Dora Maar, den Élouards und auch Lee Miller, später dann die Szenen mit Jaqueline Roque in der Villa La Californie in Cannes besonders interessiert. Sie wirken unglaublich modern und beinahe zeitlos.


Tatsächlich bewegte ich mich ein Jahr später in die Nähe der Villa La Californie, am 8. April 2023 jährte sich Picassos Todestag zum 50. Mal. Anlässlich dieses Datums fanden in Europa zahlreiche Sonderschauen der Werke des Künstlers statt, alleine acht Ausstellungen waren in Frankreich zu sehen. Mich interessierte vor allem die Sonderausstellung im Picasso-Museum in Antibes Juan-les-Pins direkt am Mittelmeer in dem eindrucksvollen Schloss der Familie Grimaldi. Von dieser hatte Picasso 1946 das Angebot erhalten, einen Teil des Museums als Atelier zu nutzen, das einstige Musée Grimaldi wurde noch zu seinen Lebzeiten in das Musée Picasso umbenannt. Es war die Zeit, da Picasso mit Françoise Gilot liiert war, die ebenfalls in dem Atelier arbeiten durfte. In seinem Werk ist sie „die Blumenfrau“, einige dieser Portraits sind auch hier zu sehen.



Der Fokus der Ausstellung lag auf den späteren Jahren im Schaffen des Künstlers, die von der Kritik eher als die schwächere Periode bezeichnet wird. Fast wieder kindlich werden die Portraits am Ende seines Lebens. Am 8. April 1973 stirbt Picasso im Alter von 92 Jahren in Mougins, er hinterließ ca. 1900 Gemälde, 3200 Keramiken, 7000 Zeichnungen, 1200 Skulpturen und 20.000 Grafiken, so lässt sich dies in dem Kunstmagazin Monopol aus dem Jahr 2013 nachlesen. Ein Testament gab es nicht, monatelang dauerte es, bis Experten seinen Nachlass katalogisiert hatten, und immer wieder tauchen neue Werke auf. Picasso selbst wollte sich nicht einordnen lassen:
„Ein Maler darf niemals tun, was die Leute von ihm erwarten“,
so wird er in jenem Monopol-Artikel zitiert. Ich wiederum wurde an einem besonderen Ort überrascht, denn ein mir bislang unbekannter Picasso zeigte sich in Vallauris, dem kleinen Dorf oberhalb des Küstenorts Golfe-Juan. Hier hatte Picasso die Keramik für sich entdeckt, und gleich dazu auch seine letzte Frau, Jaqueline Roque. Picasso lebte in dieser Zeit noch mit Francoise und den beiden Kindern Paloma und Claude in der „Villa Galloise“ in dem kleinen Ort, erneut kommt es wieder zu dem Thema „nahtloser Übergang“. Jaqueline Roque war 27 und Verkäuferin in der Galerie Madoura, in deren Atelier der bereits 72-jährige Picasso seine keramischen Arbeiten kreierte. Tatsächlich war ich nie ein besonderer Fan der Keramiken, hatte keine allzu hohen Erwartungen an dieses Museum. Daher war ich erstaunt, dass sich mir das, was ich von Picasso in Vallauris sah, ganz besonders eingeprägt hat.



Während in dem Museum natürlich die Keramiken ausgestellt sind, dazu auch ein interessanter Dokumentarfilm gezeigt wird, in dem man unter anderem auch sehen kann, wie Picasso in dem kleinen Ort gefeiert wurde, war für mich die wahre Entdeckung die kleine Kapelle. 1952 schafft in dieser mittelalterlichen Kapelle Picasso Gemälde, die an Höhlenmalerei erinnern, was genau sein Anliegen war. Die Thematik „La Guerre et la Paix“ fügt sich in den internationalen Kanon der Nachkriegszeit ein – dem Aufruf zum Weltfrieden. Bereits auf dem Weltfriedenskongress, der 1949 in Paris stattgefunden hatte, war Picassos Taube das Symbol des Kongresses, nun knüpft er an dem Thema an. Tatsächlich wird diese Kapelle auch häufig als Picassos Antwort auf die von Matisse gestaltete „Chapelle du Rosaire“ in Vence betrachtet, diese wurde 1951 eröffnet. Ich hatte das Glück, auch eine kurze Zeit alleine in Picassos kleiner Kapelle stehen zu können und die Bilder von Krieg und Frieden auf mich wirken zu lassen. Eine besondere, sakrale Atmosphäre, die wahrscheinlich eine doppelte Wirkung entfaltet durch die Zeit, in der wir uns aktuell befinden, in der internationale kriegerische Auseinandersetzungen wieder Tagesthema sind. Ein krasser Gegensatz bietet dann das quirlige Treiben des schönen kleinen Marktes unter heißer Sonne, der direkt vor dem Museum rundum die Picasso-Skulptur „Mann mit Lamm“ aufgebaut ist. Diese musste mit der Zeit auf einen Sockel gehoben werden, nachdem es sich die Hunde des Ortes zur Gewohnheit gemacht hatten, auf ihrer kleinen Runde durch das Dorf genau hier regelmäßig ihr Bein zu heben.

Tatsächlich sind es immer wieder diese kleinen Orte, die man nicht unbedingt als Erstes auf der Agenda hat, die mich persönlich besonders begeistern und sich auch als eine Art Entdeckung weit mehr im Gedächtnis verankern als die „gesetzten“ großen Kunst-Sehenswürdigkeiten. Daher würde ich nicht nur jedem Picasso-Fan, sondern auch Südfrankreich-Liebhabern den zurückhaltenden Ort Vallauris – ein wenig außerhalb des aufgeregten Côte-d’Azur-Flairs – sehr ans Herz legen. Ach ja, an einem Ort wie diesem merkte ich schnell, dass für mich die Antwort auf die Frage, ob Picasso nun wirklich als der größte Maler des 20. Jahrhunderts gelten kann, dann doch eher obsolet ist. Und auch meine kritischen Gedanken an den egozentrischen und verachtenden Macho pausierten einmal für einen kleinen Moment.

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