
Andy Warhol – Velvet Range and Beauty
in der Neuen Nationalgalerie 9. Juni bis 6. Oktober 2024
Im Pride Month eröffnet die Warhol-Ausstellung der besonderen Art im oberen, transparenten Geschoss der Neuen Nationalgalerie. Ich hatte die Möglichkeit, gleich zu Beginn dabei zu sein, es war das Wochenende der Europa-Wahl, ein im Grunde perfekter Zeitpunkt, um diese Werkschau zu sehen. Eine Art Trigger-Warnung liest man als „Hinweis“ auf der Website: „Die Ausstellung zeigt sehr explizit Nacktheit und Sexualität sowie vielfältige Darstellungen von Gender und Körpern. Wenn Sie mit Kindern die Ausstellung besuchen möchten, tun Sie dies gemeinsam und bleiben sie im Gespräch.“

Hölzerne Stellwände sind in dem sonst sehr luftigen, weitläufigen und transparenten Erdgeschoss aufgestellt, man betritt die Schau seitlich und arbeitet sich durch diese neuen, dann doch eher „privaten“, von außen uneinsehbaren Räume. Die Kuratoren schaffen so natürlich Fläche für die Hängung der Exponate, aber eben auch Intimität und Sichtschutz. Mir wird bewusst, wie froh ich bin, dass gerade in Berlin – wo sonst? – es eben möglich ist, eine Ausstellung dieser Art einem großen Publikum zu zeigen. Und schon sitzt mir mit dem Blick auf die Wahlergebnisse der Zweifel im Nacken mit der Frage: Wie lange ist das noch möglich? Wann wird eine Werkschau wie diese womöglich wieder mit der Überschrift „Entartete Kunst“ versehen?
Umso wichtiger und vor allem auch längst überfällig erscheint mir dieser eher ungewöhnliche Blick auf Warhols Schaffen. Mit nur 58 Jahren starb Andy Warhol im Jahr 1987, bis zu diesem Tag hat er sich nie öffentlich geoutet, dabei war das Thema homosexuelles Begehren, Sexualität und ein absolut männliches Schönheitsideal sehr zentral für ihn als Person, aber eben auch in seinem künstlerischen Werk. Denke ich an Warhol, so sehe ich sofort die Bilder der Reihe „Superstars“, aber auch die Brillo-Boxes oder Campbell-Soup Cans, die ihn berühmt gemacht haben. Das Serielle als Kunstform – in der Ausstellung ist auch der Double Elvis zu sehen -, die Anwendung der Siebdrucktechnik, die einen neuen Blick auf das Thema Originalität warf, all das machte für mich Warhol bislang sehr besonders und innovativ.

Er gehört sicherlich zu den Künstlern, dessen Werke in unseren Alltag Einzug gefunden haben in Form von tausendfachen Reproduktionen. Fast inflationär wurde damit in der Öffentlichkeit umgegangen, „Disneyfication“ als Begriff passt hier allzu gut, Monets Seerosen, van Goghs Sonnenblumen, die Mona Lisa und dazu Vivaldis Vier Jahreszeiten, Andy befindet sich in bester Gesellschaft. Alles schön gefällig und immer wieder präsentiert, bis zum Overload.
Doch in meinen Augen war er schon immer ein Vorreiter und seiner Zeit voraus, auch das denke ich sofort, als ich die Bilder der Drag-Queens sehe, die er im Stil der Superstars Marilyn Monroe, Liz Taylor oder Liza Minelli darstellt.
„In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.“
Dieses bekannte Zitat äußerte Warhol bereits Ende der 60’er Jahre. Er hatte seine Polaroid meistens dabei, ob im legendären Studio 54 oder auf New Yorks Straßen, im Grunde war er ein Pionier der Handy-Generation. Allzu gut kann man sich die Präsentation seiner vielen Polaroids, aber auch seiner Werke als lnsta-Posts vorstellen.

Auf der linken und rechten Außenseite der Ausstellung ist seine Biografie in Form einer zweigeteilten Time-Line – durch Fotos ergänzt – zu erfahren. Das Innere der Werkschau beginnt mit Zeichnungen aus der Zeit, da Warhol noch als Illustrator gearbeitet hat, besonders die Exponate aus „A Gold Book“ aus dem Jahr 1957 sind in ihrer Zartheit besonders schön anzusehen, dazu eher unbekannt. Auch hier sind bereits Männer sehr freizügig dargestellt, die Sehnsucht des jungen, eher unattraktiven, schüchternen Andrew Warhols – so sein tatsächlicher Name – ist deutlich spürbar.
Bekannte Ikonen sind hier auch zu sehen, so der junge und laszive Mick Jagger, daneben das Cover des Stones-Albums „Sticky Fingers“. An anderer Stelle sind auch die Bananen auf dem Cover von Warhols Band „Velvet Underground“ präsentiert. Öffentlich sichtbar, an der äußeren Längsseite gehängt, sind wiederum die Polaroids „Self-Portrait in Drag“, die eine andere, sehr fluide Seite des Künstlers zeigen.

Die Trigger-Warnung bezieht sich aber sicherlich auf zahlreiche, große Siebdrucke von Schwänzen und männlichen Hintern sowie die Darstellungen von einigen homosexuellen Sexszenen im Inneren der Ausstellung. Keiner der anwesenden Besucher nimmt nur im Ansatz daran Anstoß, so normal ist unser Blick auf Themen und Darstellungen dieser Art geworden. Zu Warhols Lebzeiten wurden diese Exponate als „unmoralisch“, gar „pornographisch“ kritisiert und abgelehnt, was dazu führte, dass sie im Grunde selten bis gar nicht ausgestellt wurden. Wie einfach wäre wiederum heute ein „Coming Out“ für Warhol, das denke ich beim Schlendern durch diese Schau, gehe aber natürlich auch von „meiner Stadt“ Berlin aus, in der so vieles (noch) so normal ist. Ein großes Glück.
Der Titel der Ausstellung ist eine Hommage an das Buch „The Velvet Rage“ des Autors Alan Downs, das im Jahr 2005 erschienen ist. Downs beschreibt darin das Leben und Aufwachsen eines homosexuellen Mannes in einer heterosexuell dominierten Gesellschaft. Warhol selbst hat diese Welt sicherlich persönlich als Restriktion empfunden und wirkte auch selten frei und glücklich, er fand in seiner sehr vielschichtigen Kunst eine Ausdrucksmöglichkeit, mit der er viele Künstler, aber auch die Rezipienten nachhaltig beeinflusst und ermutigt hat. Für mich ist er ein absoluter Visionär, der seiner Zeit voraus war – in vielerlei Hinsicht. Unbedingt anschauen!

Noch bis zum 6. Oktober 2024
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