
„La Garçonne. Die maskuline Frau. Modiglianis weibliche Bildnisse zeigen ein neues Frauenbild, das mit wenigen Ausnahmen – wie Jeanne Mammen oder Émilie Charmy – erst die Maler der Neuen Sachlichkeit in den 1920er Jahren ins Bild setzten. (…) Der Maler war aber auch der Chronist eines neuen Selbstbewusstseins von Frauen, die während des Ersten Weltkriegs in vielen Bereichen der Gesellschaft Verantwortung übernahmen.“
Modigliani gehört zu den höchstgehandelten Künstlern der Welt, schaut man auf die internationalen Auktionsergebnisse, so landete er 2023 auf der Artprice-Weltrangliste auf Platz 42 der Top 100. Gleichzeitig wird in zahlreichen Veröffentlichungen über den Künstler immer wieder darauf verwiesen, dass er in größter Armut lebte, so auch in dem sehr empfehlenswerten Zeit-Podcast „Augen zu“ von Giovanni di Lorenzo und Florian Illies. Mit dem Titel „Modigliani – der Mann, der die Frauen liebte“, erschien bereits im Dezember 2021 dieser sehr spannende und noch immer abrufbare Beitrag. Nun zeigt das Barberini in Potsdam eine Einzelausstellung von Amedeo Modigliani, die mit der Headline „Moderne Blicke“ treffend überschrieben ist.

Warum aber sind diese Blicke neu?
Das oben erwähnte Zitat aus dem sehr ästhetisch gestalteten und informativen Ausstellungskatalog fasst dies gut zusammen. So ist auch für mich ein besonders interessanter Raum im Obergeschoss der „Garçonne“ gewidmet, die ich im Übrigen nicht unbedingt als „die maskuline Frau“ bezeichnen würde, schon gar nicht aus heutiger Sicht. Was die Dargestellten aber vereint: Sie alle wirken sehr selbstbewusst und ernst, schauen die Betrachterin direkt an. Modigliani inszeniert bereits bekannte Persönlichkeiten – wie Kiki de Montparnasse -, die Mannequins des Modedesigners Paul Poiret oder die Frauen seiner Künstlerfreunde, aber eben auch einfache junge Mädchen. In dieser Zeit kamen zahlreiche junge Frauen aus Osteuropa oder aus Amerika nach Paris, um dort Künstlerin oder Tänzerin zu werden, was nicht immer so reibungslos funktioniert, einige von diesen sind in dem ersten Ausstellungsraum im Erdgeschoss zu sehen. Modigliani widmet sich ebenfalls „der“ berufstätigen Frau, so z. B. seiner Förderin, der Buchhändlerin, Verlegerin und Galeristin Elena Povolozky. Auf Povolozkys Porträt aus dem Jahre 1917 sieht man eine fast androgyn wirkende Frau in schwarzem Jacket, weißem Hemd und Fliege, die Haare sind ebenfalls dunkel und „bubikophaft“ kurz, sie entspricht definitiv dem Typus der „femme moderne“. Außerdem erinnert sie in Darstellung und Farbgebung sehr an das Bild, das Picasso von der Schriftstellerin und seiner Sammlerin und Mäzenin Gertrude Stein 1905/1906 gemalt hatte. Man kann davon ausgehen, dass Modigliani dieses Werk kannte, die beiden hatten zu dieser Zeit im „Bateau-Lavoir“ Tür an Tür ihre Ateliers, es sind immer wieder diese Querverbindungen und gegenseitige Einflüsse, die mich besonders interessieren und die in dieser Schau ausgesprochen gut gezeigt werden.

Modiglianis Kunst wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts der figurativen Moderne zugeordnet, eine Zeit, in der der Futurismus und der abstrakte Kubismus von Picasso und Braque als die künstlerischen Strömungen der Stunde wahrgenommen wurden. Modigliani wiederum widmete sich vor allem in Portraitzeichnungen und -gemälden, aber auch in Akten zahlreichen Frauen, deren soziale Herkunft eher ungewiss bleibt. Als jene Akte 1917 in der Galerie der Berthe Weill ausgestellt wurden – es war seine einzige Einzelausstellung zu Lebzeiten -, kam es zu einem Skandal. Er befand sich damit in allerbester Gesellschaft, ähnlich erging es seinen Zeitgenossen, Egon Schiele und Oskar Kokoschka in Wien, genauso wie Jeanne Mammen und Ernst-Ludwig Kirchner in Berlin. Und das ist das Spannende: Es waren also nicht erst die 20er Jahre, die den Blick öffneten, bereits vor dem Ersten Weltkrieg entstand er, dieser neue Blick auf die Frau, auf die Gesellschaft.
Es ist nicht der kalte Blick, den später die Neue Sachlichkeit auf die Frauen wirft, tatsächlich passiert hier etwas Anderes:
„‚Modigliani. Moderne Blicke‘ bricht das hartnäckige Image Modiglianis als drogenabhängiger Frauenheld“-
so die Kuratorinnen Christiane Lange und Ortrud Westheider im Vorwort des Katalogs. Er zeigt sich den Frauen zugewandt, aber nicht als Eroberer, sondern gefühlt auf Augenhöhe. Das weibliche Vis-à-Vis erscheint immer frontal, bei den liegenden Akten kommen wir den Modellen frappierend nah, was auch der Technik des Anschnitts geschuldet ist. Skandalös war für den damaligen Betrachter unter anderem, dass auf den Bildern auch die Schamhaare der Liegenden zu sehen waren, in den zahlreichen Kritiken fielen vor allem Begriffe wie „obszön“ und „pornographisch“. Diese Serie, der ein eigener Ausstellungsraum gewidmet ist, referenziert auf das italienische Renaissance-Thema der Venus. Modigliani, der aus Livorno stammte, hatte durch seine Studienjahre in Florenz und Venedig die italienische Kunst in sich aufgenommen, er selbst inszeniert seine Modelle – häufig wurde behauptet, es handele sich zumeist um Prostituierte – sehr viel selbstbewusster, aber auch reduzierter. Es sind sicherlich diese liegenden weiblichen Akte – oftmals in Terracotta – mit den typischen langgestreckten Körpern und Gesichtern mit mandelförmigen, manchmal geschlossenen oder auch übermalten Augen, die wir alle sofort mit Modigliani verbinden. In dem Podcast-Beitrag „Augen zu“ sind es gerade diese Augen, die Florian Illies als oftmals „tot“ bezeichnet, die Modelle wirken sehr in sich gekehrt, eher unnahbar. Bei allem Respekt vor dem Werk des Künstlers sind sich di Lorenzo und Illies darüber einig, dass Modigliani zu jenen Künstlern gehört, der im Grunde diesen einen eigenen Stil für sich etabliert hat, der ihn unverwechselbar machte – und auch recht leicht zu fälschen war, seit seinem Tod kursieren unzählige Fälschungen seiner Werke auf dem Kunstmarkt. Es sind auch zumeist Portraits und liegende Akte, die sein Sujet darstellen, nur sehr wenige Skulpturen oder Landschaftsgemälde befinden sich in seinem Nachlass.
Ich persönlich mochte zu meinem eigenen Erstaunen bei diesem Barberini-Rundgang allerdings die Porträts – auch jene der männlichen Weggefährten und Avantgardisten in Paris, u. a. Juan Gris, Chaïm Soutine und Moïse Kisling, die 1915 entstanden sind – tatsächlich lieber als die allbekannten liegenden Damen. Besonders interessant fand ich die kontinuierliche Gegenüberstellung mit Werken anderer Künstlerinnen – allen voran Jeanne Mammen, aber auch Émilie Charmy, auch der Bezug zu Egon Schiele gelingt ausgesprochen gut und macht neugierig auf mehr. Dem Barberini ist es wieder einmal gelungen, einen sehr informativen Guide – am bequemsten über die Barberini-App auf dem Handy abzuspielen – den Besuchern als Ausstellungsbegleiter zur Verfügung zu stellen. Auch zu Hause lässt sich in der Audio-Tour oder den Interviews mit Experten so bequem noch mal die eine oder andere Geschichte Nachhören oder auch ein Bild in Erinnerung rufen.
Die in einer Vitrine ausgestellten Skizzenbücher von Jeanne Mammen haben es mir besonders angetan, sie stammen aus der Zeit von 1910 bis 1914 und wirken unglaublich modern. Ich fühle mich an Annemarie Schwarzenbach aus dem Kreis der Mann-Familie erinnert, an Erika Mann selbst, die in diesem Look häufig zu sehen war, aber auch an den Stil, den Marlene Dietrich sehr viel später mit der nach ihr benannten Hose kreiert hat. Man würde tatsächlich nicht unbedingt auf Jeanne Mammen, dieser frühen Chronistin der emanzipierten Berliner Frau, kommen, wenn man sich Modigliani zuwendet. Aber genau darum scheint es den Kuratorinnen zu gehen, zu zeigen, was alles zeitlich parallel passiert ist. Selbst wenn zwischen den ausgestellten Künstlern – 33 Werke von diesen Zeitgenossen werden exponiert – kein realer Kontakt bestand, so lassen sich die Persönlichkeiten und deren Werk von den Betrachtern sehr gut in Verbindung bringen.



Allen voran bekomme ich – wieder einmal – große Lust auf Paris, besonders in dem Raum des Barberini, in dem alle für Modigliani wichtigen Orte auf der Stadtkarte von Paris zu sehen ist. Hier begegnet man natürlich den sagenumwobenen Orten in Montparnasse, dem „Café du Dôme“ genauso wie der „La Rotonde“, wo er sich gerne mit Picasso auf ein Glas traf, oder der von mir noch immer sehr geliebten Brasserie „La Coupole“.


In diesem Paris kommt Modigliani 1906 an und wird sein erstes Atelier in dem Haus eines frühen Mäzens und Sammler, dem Arzt Paul Alexander, haben. Seine Mutter war Französin, daher sprach er anders als die vielen Künstlerfreunde aus Spanien oder Osteuropa perfekt Französisch, was ihm das Ankommen in der Kultur-Hauptstadt des beginnenden 20. Jahrhunderts sehr vereinfachte. Er wird zum Inbegriff des „Bohemien“, trotz ausgesprochen begrenzter finanzieller Mittel legte er Wert auf einen besonderen Kleidungsstil, er sah zudem sehr gut aus, war ein „Homme à Femmes“, was es sehr vereinfachte, Modelle, aber auch Begleiterinnen zu finden.
Besonders spannend fand ich schon immer das „Bateau-Lavoir“ in Montmartre, in dem bis zu 30 Künstler ihre Ateliers in dieser Zeit hatten. Die Liste der „Mieter“ liest sich wie das „Who is Who“ der Moderne, hier liefen gefühlt die Fäden der Pariser Bohème zusammen. An diesem Ort hatten Picasso, Juan Gris und Modigliani – um nur einige zu nennen – ihre Ateliers, hier gingen aber auch Guillaume Apollinaire, Georges Braque, Henri Matisse und Jean Cocteau, Gertrude Stein mit Alice Toklas ein und aus. Beschäftigt man sich mit diesem besonderen Ort, so wird auch immer wieder die Kälte, der Schmutz und die Armut der Behausung, wo so vieles seinen Anfang nahm, erwähnt. Diese Umgebung setzte dem Künstler besonders zu, er leidet an Tuberkulose, an dieser Krankheit stirbt er auch im Alter von nur 35 Jahren im Januar 1920. Besonders tragisch, seine erst 21-jährige Verlobte Jeanne Hébuterne, die ebenfalls Künstlerin ist, stürzt sich einen Tag nach seinem Tod hochschwanger aus dem Fenster. Sie hinterlässt eine gemeinsame Tochter, die von Modiglianis Familie in Livorno aufgezogen wird. In diesem kurzen Leben schafft Modigliani ungefähr 400 Werke, 56 davon sind im Barberini leider nur noch bis zum 18. August 2024, ein Besuch lohnt sich absolut!

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