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Juli 12, 2024

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Gehen oder bleiben? Wann ist der richtige Moment unausweichlich gekommen?


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Im wunderbaren Verlag Ebersbach & Simon ist das neue Buch von Unda Hörner erschienen, das für mich sehr aktuelle Fragen der Zeit aufwirft. „Frauen.erlesen“, so lautet das ausgesprochen passende Verlagsmotto, denn zahlreiche Publikationen widmen sich vor allem außergewöhnlichen und starken Frauen in Kunst, Literatur und Gesellschaft – vorrangig des letzten Jahrhunderts. 

Noch immer gut anzuschauen: Das mehrteilige Doku-Drama „Die Manns“ aus dem Jahr 2001

Erika Mann wird in diesem Mehrteiler von Sophie Rois verkörpert, eine für mich perfekte Besetzung, tatsächlich sehe ich bei der Lektüre des Buchs von Unda Hörner nun sehr häufig eine Mixtur aus Erika und Sophie vor mir.

Eine von diesen ist nun Erika Mann, die älteste Tochter von Thomas und Katja Mann, die auch mich schon immer ganz besonders interessiert hat. Spätestens durch das wirklich gut gemachte Doku-Drama „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“, das der Regisseur Heinrich Breloer 2001 als TV-Format produziert hat, bin ich mit den Familienmitgliedern der Manns sehr vertraut und habe danach eher Veröffentlichungen über die statt von den Manns gelesen.

Wie auch bei den anderen Büchern von Unda Hörner, die zuletzt erschienen sind, ist auch hier ein Bild von Tamara de Lempicka auf dem Cover zu sehen, Portrait of Ira Perrot (1930), eine selbstbewusste, schöne  „Garconne“, im wahren Leben Freundin und Geliebte der Malerin.

Die Wahl dieses Motivs passt perfekt, recherchiert man über Erika Mann, so wird man vor allem Fotografien der ersten Hälfte ihres Lebens finden, dunkelhaarig und schlank mit „Garconne-Schnitt“, als Schauspielerin im Ensemble des von ihr gegründeten politischen Kabaretts „Die Pfeffermühle“, rauchend am Steuer von schnellen Autos, an der Seite ihres Bruders Klaus auf dem Cover des gemeinsam geschriebenen Reise-Buchs „Rundherum“ oder auch später als Lecturer im amerikanischen Exil vor und während des zweiten Weltkriegs. Erika Mann hatte viele Talente und eine besondere Ausstrahlung, die sowohl bei Frauen als auch bei Männern ankam.

Eine kleine Auswahl von bereits erschienenen Büchern über Erika Mann, die sich in meinem Regal befinden

Sie war eine streitbare und politisch engagierte, unangepasste Person, zusammen mit ihrem nur ein Jahr jüngeren Bruder Klaus bildete sie das „erste Geschwisterpaar“ im Hause Mann, die besonders beachteten, talentierten „Mann Twins“, als die sie sich zuweilen ausgaben. Wahrscheinlich ist Klaus Mann im Vergleich zu seiner Schwester der Mehrbeachtete, ich selbst habe mich – sehr verankert in der Berliner gay Community – schon früh mit seinen Romanen „Der fromme Tanz“ und „Treffpunkt im Unendlichen“ beschäftigt. Natürlich sah ich auch Klaus Maria Brandauer in „Mephisto“, dem Film nach Klaus Manns Roman, der dadurch 1981 erst richtig bekannt wurde in Deutschland. 32 Jahre, nachdem sich Klaus Mann in Cannes mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen hat. Dies ist auch das Jahr, in dem Unda Hörner Roman-Biografie endet, am 9. November 1949, Erika Manns 44. Geburtstag, den ersten, den sie ohne ihren Weggefährten und Bruder begehen muss.

Ich halte dies für einen interessanten Zeitpunkt, um diesen Lebensbericht zu beenden, denn tatsächlich war der Tod ihres Bruders sicherlich eine Zäsur in Erika Manns bis dato sehr aktivem und selbstbestimmten Lebens. Sie war oft die treibende Kraft in der Familie und fiel vor allem durch ihren Mut auf.

Sie beweist ein untrügliches Gespür für den unausweichlichen Moment und kann die reale Gefahr richtig einschätzen. Thomas und Katja Mann werden nie mehr in die Poschinger Straße zurückkommen, Erika wird es sein, die mutig wichtige Manuskripte ihres Vaters aus der Villa holt und diese mit ihrem eigenen Auto in einer Nacht- und Nebel-Aktion alleine über die Grenze in die Schweiz bringt. In Zürich wird sie auch das Kabarett „Die Pfeffermühle“ wiedereröffnen, das am 1. Januar im Schicksalsjahr 1933 in der Bonbonniere in München seine Premiere erlebt hatte. Erika meisterte die recht strikten Auflagen der Schweizer Behörden mit Beharrlichkeit, die sie auszeichnete, es kam zur Wiedereröffnung der Kabaretts im September 1933 – mit viel Applaus und einer anschließenden sehr erfolgreichen Tournee.

Sehr früh wurde Erika Mann wiederum bewusst, dass auch die Schweiz noch nicht der finale Ort des Exils sein würde. Sie setzte alles daran, nach New York zu kommen, war auch die treibende Kraft in der Familie Mann, sodass Thomas Mann nach Stationen in Frankreich und der Schweiz 1938 den Ruf als Ehrendoktor der Universität Princeton annahm und sich im Jahr 1941 recht komfortabel in Pacific Palisades in Kalifornien niederließ. Erika war zu dieser Zeit als „Lecturer“ in den Staaten unterwegs, nachdem sie feststellen musste, dass das politische Kabarett in New York seine Wirkkraft eingebüßt hatte, die versteckte Ironie und die symbolhaften Anspielungen wurden dort nicht verstanden. Aber sie wusste, dass sie weiterhin politisch aktiv sein musste, um so in den USA ihren Teil dazu beizutragen, dass viele Informationen über des NS-Regime dort verbreitet wurden. Ihr erklärtes Anliegen war es, die USA zu einer politischen Aktion gegen die ihr so verhassten Nazis zu mobilisieren. Unerträglich war ihr auch lange die eher unpolitische Haltung von Thomas Mann, der gerade in den ersten Jahren der Emigration noch immer der Auffassung war, er müsse auf seine deutschen Leser Rücksicht nehmen. In der Zeit von 1940 bis  Mai 1945 hielt er – auch durch seine Tochter maßgeblich bestärkt – aber insgesamt 55 Radioansprachen bei der BBC mit dem Titel „Deutsche Hörer!“ Erika war in dieser Zeit bereits für die US-Army im Einsatz, ab Juni 1943 arbeitete sie als War Correspondent. Nach dem Krieg kehrte sie auch nochmals nach Deutschland zurück und berichtete unter anderem über die Nürnberger Prozesse. 

Kalifornisches Exil der Manns in Pacific Palisades: Katia mit Thomas Mann, Erika und Monika

Unda Hörners biografischer Roman über Erika Mann erzählt viele dieser Lebensstationen. Zahlreiche berühmte Namen kommen darin vor, die Manns waren privilegiert und zogen alle wichtigen Personen ihrer Epoche geradezu magisch an. Die vermeintlichen goldenen Zwanziger in Berlin kommen vor, auch die spannenden Jahre im Hotel Bedford in New York. Für mich besonders spürbar ist dabei der Mut, den diese Frau auszeichnete, bis … tja, im Grunde bis zum Tod ihres Bruders, der sie beinahe gebrochen zurücklässt. Erika Mann wird sich maßgeblich um sein Vermächtnis kümmern, sich zudem ihrem Vater widmen und ihm eine wesentliche Stütze in dem Schaffensprozess der letzten Jahre sein.

Der Hass auf die Nationalsozialisten und das Fortbestehen deren Ideologie, die sie auch nach 1945 in Deutschland wahrnimmt, wird sie bis zum Lebensende begleiten. Immer wieder wird in der Literatur über Erika Mann ihre Bitterkeit, ja Unversöhnlichkeit und Härte der späteren Jahre betont. Mit Alkohol und Tabletten verhilft sie sich zu „kleinen Auszeiten“, ihre Gesundheit wird immer fragiler. Mit nur 64 Jahren stirbt sie im August 1969 in Zürich, von der einst so starken und strahlenden Eri, wie sie in der Familie genannt wird, ist in den letzten Jahren nur noch wenig spürbar. 

Unda Hörners sehr informative Trilogie „1919“, „1929“ und „1939“ – bei mir gespickt mit Post-It’s

In der Rahmenhandlung pickt sich Unda Hörner die Reise nach Stockholm, die Erika Mann mit ihren Eltern im Sommer 1949 unternimmt, heraus. Thomas Mann bereitet sich mental auf die doppelte Verleihung des Goethe-Preises in Frankfurt und Weimar vor, mitten in dieser Zeit im Grand Hotel erreicht die Familie die Nachricht vom Selbstmord Klaus Manns am 21. Mai 1949. Als Leserin begleite ich im Grunde Erika Mann auf ihrer Erinnerungsreise durch ihr Leben und die Zeitgeschichte. Nachdem ich vorab Unda Hörnern Trilogie „1919“, „1929“ und „1939“ – ebenfalls im Verlag Ebersbach & Simon erschienen – gelesen habe, waren mir zahlreiche Personen dieses Romans bestens bekannt. Es macht großen Spaß, wie die Romanistin und Germanistin Unda Hörner es schafft, so viele interessante Figuren in ihren Büchern kenntnisreich unterzubringen und dabei viel Lust auf das tiefere Eintauchen in die eine oder andere Biografie zu machen. So geht es mir, als leidenschaftliche Spurensucherin. Ich freue mich bereits jetzt auf das nächste Werk, das sich mit den „realen Frauen der Surrealisten“ befassen wird und voraussichtlich im September 2024 erscheint. 

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