
Es war wieder einmal so weit – ich hatte eine richtig große Sehnsucht nach Paris, fieses Februarwetter hin oder her, kurzerhand beschloss ich, die Geburtstagsflucht nach Paris anzutreten. Außerdem sollte es eine Premiere geben: Statt den Flieger am nach wie vor ungeliebten Flughafen BER zu nehmen, flitzten wir mit dem Direktzug vom Berliner Hauptbahnhof morgens um 7 bis zum Gare de l’Est und waren so am Nachmittag gleich mitten im Pariser Spektakel.
Tatsächlich bin ich hinsichtlich meines „Reviers“ in Paris wenig experimentierfreudig, ich bin und bleibe ein Fan des Marais und habe uns dann auch mit Blick auf die ambitionierten Hotelpreise in einem Appartement in der schönen Rue du Parc Royal einquartiert. Bei Sonnenschein kamen wir im Innenhof eines alten Stadtpalais an und krabbelten bis unters Dach in unser Maisonette-Stübchen namens Carmen, in dem die Zeit still zu stehen schien. Deko-Bücher am laufenden Meter als Versteck des Fernsehers, klirrende Kronleuchter, roter Samt und viele Schrägen, sicherlich nichts für jeden Geschmack, aber in jedem Fall eine absolut perfekte Lage mitten im Marais.






Ausschlaggebend für diese Reise war für mich auch die Gerhard Richter Retrospektive, die in der Fondation Louis Vuitton im Bois de Boulogne gezeigt wurde und Anfang März zu Ende geht, die Tickets hatte ich zur Sicherheit online mit Time-Slot noch zu Hause auf meinem Berliner Sofa erstanden. Als ich kürzlich meinem Freund Cai von meiner Begeisterung für diesen Künstler erzählte, meinte er: „Bei Richter schlafe ich ein. Überbewerteter Herr.“ Wie so oft, wenn wirklich gute und richtig geschätzte Freunde etwas sagen, das das Gegenteil meiner eigenen Meinung ist, habe ich das Gefühl, meine persönliche Haltung zu den Dingen doch nochmals kurz zu überdenken. In diesem Fall ist das relativ schnell passiert, kleines Zwischenfazit: Ich kann mich nach wie vor nicht satt sehen an den Werken von Gerhard Richter, und genau dafür war diese opulente Schau von ca. 270 Exponaten aus allen Schaffensperioden des Künstlers für mich der perfect place to be. Ein Geburtstagsgeschenk, das ich mir selbst gemacht habe. Mit dem Bus sausten wir an der Avenue des Champs Élysées los und stiegen am Bois de Boulogne aus, von dort ging es dann im Nieselregen zu Fuß zu dem absolut imposanten Gebäude von Frank Gehry – die Fondation Louis Vuitton. Sie wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film, viel Glas und Stahl in der Form eines „Eisbergs mit zwölf Segeln“, so lässt es sich nachlesen, mich erinnert es wiederum eher an einen riesigen gläsernen Walfisch. 3.850 qm Ausstellungsfläche umfasst dieses nach 10 Jahren Planungs- und Bauzeit im Oktober 2014 eröffnete Gebäude des amerikanischen Star-Architekten, für mich wurde es höchste Zeit, selbst einen Blick hineinzuwerfen.


Fondation LV

Worüber ich mich in der Besucher-Schlange stehend besonders gefreut habe: Bei der Gestaltung des Ausstellungsplakats hatten sich die Kuratoren (oder auch die PR-Agentur) für die „Lesende“ entschieden, nach wie vor eines meiner Lieblingsbilder von Gerhard Richter. Ein kleine gerahmte Postkarte von diesem im Jahr 1994 entstandenen Portrait, das Richters dritte Ehefrau Sabine Moritz – den „Spiegel“ lesend – im Profil zeigt, hängt seit vielen Jahren in meinem Büro in Berlin. Gleich nach unserer Ankunft am Gare de l’Est war es daher wie ein Déjà-vu, als ich durch die Pariser Straßen schlenderte, in denen zahlreiche Plakate zur Ankündigung der Retrospektive hingen. Die über 270 Bilder – ich muss diese enorme Zahl der aus aller Welt zusammengetragenen Werke hier nochmals erwähnen – werden in rund 30 (!) Sälen auf vier Etagen gezeigt, und eines ist schnell spürbar, im Inneren stellt sich die Fondation Louis Vuitton weniger spektakulär dar, als das Äußere vermuten lässt. Es sind im Grunde klassische „White Cubes“, in denen die Exponate eigentlich sehr konventionell an jenen weißen Wänden tageslichtfern gezeigt werden. Allerdings dämpft diese eher herkömmliche Art der Präsentation keineswegs meine Begeisterung.
„Sich ein Bild machen, eine Anschauung haben, macht uns zu Menschen – Kunst ist Sinngebung, Sinngestaltung, gleich Gottsuche und Religion.“ (Gerhard Richter)

Richter gehört nach wie vor zu den Top-Sellern auf dem internationalen Kunstmarkt, in der interessanten Dokumentation „Gerhard Richter – Painting“ deutet er selbst kopfschüttelnd auf eines seiner Werke und sagt, dass das im Grunde den Wert eines Einfamilienhauses habe. Der Künstler selbst wirkt so ganz anders, als sein Kunstmarkt-Ranking vermuten ließe: Bescheiden, zurückhaltend bis wortkarg, auf jeden Fall introvertiert erscheint Richter in der Doku. Er ist bekannt für seine kritische Haltung gegenüber jedweder intellektueller Überinterpretation seiner Werke, von Kunst schlechthin. Über Malerei zu reden, das hält Richter eher für sinnlos, da Sprache für ihn die Dinge verändere, während das Bild hingegen der Ausdruck des Wesentlichen sei und für sich stünde. In diesem 2011 entstandenen Film wird vor allem der Schaffensprozess der sog. „Rakel-Bilder“ deutlich, zahlreiche dieser großformatigen Abstraktionen sind auch in der Pariser Retrospektive zu sehen.
Da diese Ausstellung jedoch streng chronologisch vorgeht, beginnt sie mit den in den 60er Jahren entstandenen fotorealistischen Werken. Gerhard Richter, am 9. Februar 1932 in Dresden geboren, verließ 1961 mit seiner ersten Frau Ema die DDR und setzte sein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf fort, dort erhielt er auch 1971 eine Professur für Malerei. Aus der Zeit in Düsseldorf (und Hamburg) stammen jene Werke, die den Anfang der Ausstellung bilden. Mein persönliches Highlight ist seit vielen Jahren das Bild mit dem Titel „Tante Marianne“, auf dem jene mit dem kleinen Gerhard Richter zu sehen ist. Erst später wurde in der Richter-Rezeption darüber referiert, dass bei diesen Werken reale Familienbilder als Vorlage dienten. Sehr wenig hat Richter selbst dazu kommentiert, so eben auch nicht jene Geschichte erzählt, die hinter diesem Bild steckt, denn Richters Tante Marianne war ein Opfer der NS-Euthanasie, ein Thema, das mich aufgrund meiner persönlichen Familiengeschichte besonders berührt. Die vorschnell gefasste Diagnose Schizophrenie kam im sog. „Dritten Reich“ einem Todesurteil gleich, unter dem Titel „Krankenmorde in der NS-Zeit“ lässt sich dieses grausame deutsche Geschichtskapitel in der Zwischenzeit recht gut recherchieren. Viele Jahre lang blieb es jedoch unter Verschluss, die Familien der Opfer – so auch meine – wussten oftmals nur einige verschwommene Eckdaten über die „verschwundenen“ Familienmitglieder, nicht selten breitete sich nach deren Tod der Mantel des Schweigens über diese Verbrechen, die so zum blinden Fleck in der eigenen Familiengeschichte mutierten.


Erstmals erfuhr ich die Geschichte der „Tante Marianne“ durch das Buch des Journalisten Jürgen Schreiber mit dem Titel: „Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie“, das ich erst 2018 las, als auch der Film „Werk ohne Autor“ in die Kinos kam. Gerhard Richter selbst distanzierte sich von diesem Künstler- und Epochendrama von Florian Henckel von Donnersmarck, dieser missbrauche und verzerre darin Richters Biografie, so der Vorwurf. Ich selbst muss gestehen, dass ich vor allem den Cast mit Tom Schilling, Paula Beer, Sebastian Koch, Oliver Masucci und vielen mehr als hervorragend empfand, die Story wiederum gut erzählt, der Regisseur benutzte bewusst für die Protagonisten andere Namen.
Aber zurück nach Paris: Besonders beeindruckend sind die vielen Jahre dieses aktiven Künstlerlebens und die damit einhergehenden unterschiedlichsten Stilrichtungen und Themen. Gegenständliches in verwischter, aber realistischer Technik, wie zum Beispiel der RAF-Zyklus aus dem Jahre 1988, der den Titel „18. Oktober 1977“ trägt, wird ebenso gezeigt wie die großformatigen Werke „Streifen & Glas“ (2012) oder die „1025 Farben“ aus den 70er Jahren. Alles im Grunde absolute „Blockbuster“, deren Wiedersehen einfach Spaß macht. Ich beendete meinen Rundgang in einem der letzten Räume, in dem der „Birkenau-Zyklus“ – Richters Beschäftigung mit der Frage nach der möglichen Darstellbarkeit des Holocaust – zu sehen war. Für mich persönlich war dies der „richtige“ Schlusspunkt dieses ca. 60 unglaublich produktive künstlerische Schaffensjahre umfassenden Parcours. In der Rückschau denke ich, dass es vor allem dieses Wechselspiel zwischen wirklich ernsten – ja, oft auch der deutschen Geschichte verpflichteten – Themen und den abstrakten großformatigen Farbspielen ist, das für mich den Reiz von Richters Werk ausmacht. Und genau das hat die Ausstellung in Paris nochmals unterstrichen – wirklich froh bin ich, sie gesehen zu haben.



Wir wussten sofort, dass wir nach diesem Ausstellungsbesuch für den Tag genügend Kunst-Eindrücke in uns aufgesogen hatten, ein weiterer Museumsbesuch im Anschluss wäre uns wie ein Frevel vorgekommen. Daher fuhren wir zurück ins Marais und stärkten uns in einem Bistrot, das definitiv einen Besuch wert ist, all jenen, die nicht auf Fisch und Fleisch verzichten möchten, kann ich das „Camille“ in der Rue Elzévir ganz besonders empfehlen. Alleine der feine Côtes du Rhône – gerne auch gleich am Nachmittag getrunken – wird mich das nächste Mal in Paris ganz bestimmt wieder dorthin führen, zumal ringsherum sehr schöne kleine Boutiquen und Lädchen zum Stöbern zu finden sind. Anders als in „meiner“ Stadt scheint es in diesem Quartier kaum Spuren des Einzelhandel-Sterbens zu geben, und das ist kein Pseudo-Eindruck der romantisierenden Touristin. Es macht einfach Freude, durch diese bunten Sträßchen zu schlendern, schon bei dem kleinsten Sonnenstrahl im Februar auf einem der „sur la terrasse“ bereitstehenden Stühlen einen Kaffee oder auch ein Glas Wein zu trinken. Allein dafür lohnt sich ein Kurztrip nach Paris im tristen Berliner Winter unbedingt!

Ohnehin bietet sich der Februar natürlich dazu an, in vielen Cafés eine kleine Rast einzulegen. Unser liebstes Frühstücks-Café wird auch verraten, vielleicht ein wenig unspektakulär, dafür eben keine Touri-Falle – „Le Loir dans la Théière.“ Die Omelettes mit Baguette, aber auch das simple „Petit déjeuner“, das wirklich nur aus einem Croissant mit Konfitüre und Kaffee besteht, all das schmeckt einfach richtig gut. Seither sind wir in Berlin auf der Suche nach Croissants, die auch nur irgendwie an jene in der Rue des Rosiers – übrigens eine berühmte historische Straße im einstigen jüdischen Viertel im Marais – herankommen könnten.



Der winterliche Samstag stand zunächst unter Shopping-Vorzeichen, meine Freundin Martina hatte mich an Weihnachten mit einer neuen französischen Kosmetik-Brand angefüttert, die es bei uns nur online zu kaufen gibt: Typology! In Paris wiederum existiert im Jugenstil-Kaufhaus Printemps ein Pop-Up-Store, den ich mir unbedingt anschauen wollte. Also ging es nach dem Frühstück zum Boulevard Haussmann, um die Fläschchen für den „perfect glow“ zu erstehen und auch die Freundinnen zu Hause mit den schönen Päckchen zu erfreuen, in der Hoffnung, dass sich der Glow durch die entsprechenden Drops auch noch jenseits der 50 einstellt. Weiter ging es mit dem Bus ins feine 2. Arrondissement, um in der Galerie Vivienne – einer besonders prachtvollen überdachten Ladenpassage aus dem 19. Jahrhundert – bei Louise Carmen vorbeizuschauen. Hier gibt es die schönsten in Leder eingebundenen Journale / sog. Notebooks, die man sich vor Ort (und natürlich auch online) individuell zusammenstellen lassen kann. Ein sehr besonderes Präsent für Menschen, die gerne noch mit Stift und Papier umgehen und Handarbeit schätzen. Allerdings muss man am Wochenende etwas Geduld mitbringen, denn vor dem Laden formierte sich eine kleine Schlange von potenziellen Käuferinnen, die geduldig auf ihren Einlass lauerten. Ich wartete daher im Café Valentin, sichtete bei einem Kännchen Earl Grey und Macarons meine Printemps-Beute und plante den weiteren Tag, denn natürlich sollte es auch heute nach unserem erfolgreichen Einkauf wieder um Kunst gehen.



Was im Februar leicht passieren kann, das ist die Tatsache, dass in einigen Museen gerade eine neue Ausstellung in Vorbereitung ist und die Pforten daher geschlossen bleiben. So war es zum Beispiel auch in dem von mir sehr geschätzten Musée du Luxembourg oder in der Pinault Collection (Bourse de Commerce), die gleich um die Ecke der Galerie Vivienne liegt. Meine Wahl fiel daher auf den Grand Palais, in dem aktuell zwei Ausstellungen gezeigt wurden, die mich interessierten. Zum einen die Nummer sicher: „Dessins sans limite“ – Zeichnungen aus den Beständen des Centre Pompidou, das in den nächsten Jahren renoviert wird. Die üblichen Verdächtigen sind hier zu sehen: Klee, Matisse, Chagall, Kandinsky – um nur einige der Stars der Moderne zu nennen. Für mich werden sie immer sehenswert bleiben, vor allem auch im weitläufigen Grand Palais präsentiert. Ich kaufte also rasch zwei Tickets für „Galerie 8“, nicht ahnend, wo diese dann ihren Eingang haben würde. Bei gefühlt 0 Grad cruisten wir um das Grand Palais, waren schon im Gebäude und wurden dann auf die Rückseite verwiesen. Zwischendurch waren wir kurz davor, doch lieber das nächste Café aufzusuchen, aber unsere Beharrlichkeit siegte – und das zahlte sich aus.

Vor allem für mich, denn nach meinen Schnell-Durchlauf der unteren Ebene der „Dessins-Schau“ entschloss ich mich spontan, doch bei der mir komplett unbekannten Mickalene Thomas und ihrer Ausstellung „All about love“ vorbeizuschauen, die in Galerie 7 im selben Trakt gezeigt wurde. Ich kann es nur so ausdrücken: Ich war vom ersten Moment an geflashed von dieser bunten und kraftvollen Kunst! Für mich eine absolute Entdeckung! Die besondere Energie der Künstlerin springt sofort auf die Besucherin über, sogar mit müden Beinen nach einem bereits absolvierten Stadttag im klirrekalten Winter.
„I define my work as a feminist act and a political act because I’m black and a woman. You don’t necessarily have to claim that, but the act of making art itself is a political and feministic act when you’re a woman.“ (Mickalene Thomas)
Eine unglaublich lebendige, glitzernde und vibrierende Ausstellung, die auch eine Art Invironment bietet, in dem man sich selbst als Besucherin als Teil der Installation empfindet. Gerade im trüben Februar wirken diese schillernden, lauten Farben wie ein Energy-Booster, den ich förmlich aufgesogen haben. Aber wer ist Mickalene Thomas? Als ich dazu auf der Heimfahrt nach Berlin einige Videos sah, wurde mir klar, dass die 1971 in Camden, New Jersey, geborene afroamerkanische Künstlerin längst eine sehr gefeierte Größe auf dem internationalen Kunstmarkt ist. Wie auch in der Ausstellung „All about love“ schnell deutlich wird, benutzt Thomas diverse Medien, um sich auszudrücken, da sind auf der einen Seite sehr großformatige Portraits in Collagen-Technik, die verschiedenste Materialien vereinen. So werden Pailletten zu Mündern geklebt, buntgemusterte Stoffe mit afrikanischen Motiven als Kleider oder Tapeten drapiert, dazu Schnipsel aus Modezeitschriften eingefügt. Mixed Media und Filme werden in den räumlichen Installationen mit gemütlichen Sitzgelegenheiten gezeigt, auf denen sich die Besucherinnen räkeln dürfen. Ich spreche hier bewusst von den Besucherinnen der Ausstellung, da es auffällt, wie viele Frauen aus unterschiedlichen Generationen sich in den Räumen aufhalten. Es mag ein wenig klischeehaft klingen, aber genau das spürte ich im ersten Moment: Die gesammelte Frauen-Power an den Wänden war genauso lebendig wie jene Präsenz, ja, Stärke der wirklich sehr aufmerksamen Besucherinnen in den Räumen. Ein gutes Gefühl von kollektiver weiblicher Begeisterung, die ich so selten erlebt habe, schon gar nicht in den Mauern eines Museums.

In Texten über Mickalene Thomas ist zu lesen, dass ihre Werke auch immer ein Gespräch über die Darstellung schwarzer Frauen in Kunst und Kultur sind. Ihr Selbstverständnis als schwarze, queere Feministin ist auf jeden Fall das einer politischen Frau. Ich sah auf der Zugfahrt nach Hause auf dem Louisiana Channel ein sehr interessantes Interview mit dieser umwerfend coolen – das passt hier wirklich mal – Frau, das 2025 in Thomas‘ Atelier in Brooklyn geführt wurde. Es ist mit der Headline „Being an Artist is a radical act“ betitelt, darin äußert sie zwei prägnante Sätze, die Ihre Haltung als Künstlerin gut zusammenfassen:
„Ich glaube an die Kraft der Bilder. Und ich glaube, dass Bilder die Welt verändern.“(Mickalene Thomas)
Einige Portraits zeigen Mickalene Thomas‘ sehr attraktive Mutter Sandra Bush, die vor allem in den 70er Jahren als professionelles Model arbeitete und später die erklärte Muse und oftmals auch als „Mama Bush“ das Modell ihrer Tochter war. Mickalene Thomas sieht in ihrer Mutter ihr eigenes Role-Model, das ihr weibliche Stärke vorgelebt, sie ermutigt hat, ihren eigenen unkonventionellen Weg zu gehen. Als Sandra Bush 2010 an einer tödlichen Nieren-Insuffizienz erkrankte, begann Thomas mit ihrer Dokumentation über ihre Mutter, die den Titel: „Happy Birthday to a beautiful Woman“ (2012) trägt. Einige Sequenzen daraus sind auch auf der herrlich gestalteten, knalligen Website der Künstlerin zu sehen. Thomas zahlreiche Frauen-Portraits, die manches Mal auch eine kunsthistorische Referenz sind – so wird zum Beispiel Manets berühmtes „Frühstück im Grünen“ 2010 zu „Le Déjeuner sur l’herbe: Les trois femmes noires“ -, sind eine Hommage an die Schönheit, Stärke und Selbstbestimmtheit der dargestellten Frauen. Auch dieses großformatige „Déjeuner-Bild“ wurde im Grand Palais gezeigt, aber eben nicht einfach nur in einem „White Cube“ präsentiert, sondern es wird wieder zur Installation, indem das gerahmte Bild in ein komplettes Surrounding, das eine Teichlandschaft nachempfindet, eingebettet wird.

Besonders interessant finde ich, wie Mickalene Thomas sich in den oben erwähnten Interview selbst zu den Motiven ihrer Material- und Technikwahl äußert:
„Ich denke, als schwarze amerikanische queere Frau hat man eine lange Tradition darin, seine Erzählung und Geschichte zu flicken, nicht wahr? Es ist eine Form der Identität, die in der schwarzen amerikanischen Geschichte eine lange Tradition hat: Dinge aufzubewahren und zusammenzusetzen, Quilts zu nähen, Identitäten zu erfinden, sie zu schichten und zu bewahren.“ (Mickalene Thomas)



Häufig ist über Thomas zu lesen, dass sie die Ästhetik der Pop-Art benutzt, diese aber im Grunde neu interpretiert. Während in der Pop-Art der sog. „male gaze“ dominiert, Serialität und Kommerz hier Themen sind, bedient sich Thomas der Techniken dieser Kunstrichtung, jedoch mit weiblichem Blick („female Gaze“), benutzt dazu die sog. „unseriösen“ Materialien – wie Glitzer, Strass und Emaille -, um Frauen zu ermächtigen und vor allem schwarze Weiblichkeit zu feiern. Ich finde, genau das ist ihr in dieser Schau im Grand Palais absolut gelungen!

In der Fondation Louis Vuitton war ich noch streng zu mir, zumal ich bereits in dem wunderbaren Bücherbogen am Berliner Savignyplatz den Richter-Katalog in der Auslage gesehen hatte, im Grand Palais aber wurde ich schwach, ich wollte mehr über diese spannende Künstlerin erfahren. Er musste also mit – der gefühlt 5 kg schwere, ausgesprochen schön gestaltete, fette Ausstellungskatalog. Und ich freue mich jedes Mal darüber, wenn ich in ihm auf meiner Couch sitzend blättere. Ich bin sehr gespannt, wann es einmal eine Einzelausstellung von Mickalene Thomas in Berlin geben wird, der Hamburger Bahnhof wäre für mich der perfekte Ort dafür. Ich lege mich auf die Lauer und bin wirklich happy über diese Entdeckung, die mir auch die Heimfahrt sehr verkürzt hat, obwohl in unserem Zug bei Erfurt mal eben alle Lichter ausgingen. Ein technischer Reset war nötig, knapp 2 Stunden Fahrt kamen dazu, die Bahn halt, aber mit einem Grauburgunder und der letzten Staffel von „Emily in Paris“ gingen auch die vorbei und konnten meine Paris-Euphorie in keiner Weise trüben. Der nächste Trip im Mai ist schon in Planung …

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