
Im September auf Sizilien mit Pageturnern und eher „schwerer Kost“
In den Zeiten des Berliner Flughafens BER und vieler anderer Kapriolen reise ich in der Zwischenzeit am liebsten nur noch mit Handgepäck, was natürlich sehr häufig zum Ergebnis hat, dass ich mich zwischen „lieber etwas mehr zum Anziehen“ oder einer richtig guten Auswahl an Urlaubslektüre entscheiden muss. Ich gehöre zu den Oldschool-Leserinnen, mir geht wirklich nichts über ein „richtiges“ Buch, am liebsten gebunden und mit einem herrlichen „Lesebändchen“. Allein dieser Begriff klingt so schön nach „alter Sprache“, fast schon nach alter Zeit. Aber klar, gerade diese Bücher haben ihren Preis bzw. ihr Gewicht. Zuletzt – auf der Rückreise von der „schweigenden Finca“ – konnte ich mich um den Aufpreis beim Einchecken in Palma drücken, indem ich die wirklich sehr dicke Hannah-Arendt-Biografie von dem dann doch aufzugebenden Koffer in mein Handgepäck schob. Ein Unterschied von immerhin einem Kilogramm. Apropos Hannah Arendt auf Mallorca – denn hier bin ich genau beim Thema: Eigentlich könnte die Überschrift dieses Artikels auch lauten – alles zu seiner Zeit. Denn die sehr gut geschriebene und informative Biografie der Philosophin von Thomas Meyer, ein sehr liebes Geburtstagsgeschenk meiner Schwester, ist definitiv kein „Insel-Buch“.

Auf dem Weg nach Sizilien nun im September hatte ich mich spontan an Hannah Arendt erinnert, daher dachte ich, es kann auch gerne etwas leichter sein, also inhaltlich – leider nicht, was das Gewicht der Bücher anbelangt. Bereits in Berlin hatte ich mit Céline Spierers „Bevor es geschah“ begonnen, meine Freundin Heike hatte es mir gegeben. Auf dem Cover ist Folgendes zu lesen:
„Ein richtiger Pageturner. Absolut genial konstruiert. France 2“
Eigentlich ein Satz, der mich oftmals davon abhält, ein Buch zu kaufen, dazu noch gleich auf dem Einband ein No-Go, aber tatsächlich muss ich zugeben, dass die sehr locker und kompakt erzählte Familiengeschichte wirklich dazu führt, dass ich das Buch in einem Rutsch verschlungen habe. Unter der Oberfläche der gut situierten, amerikanischen Familie Haynes, die hier zum Barbecue zusammenkommt, brodeln Geschichten, über die jahrzehntelang geschwiegen wurden. Häppchenweise werden auch durch Rückblicke die prägenden Episoden im Leben der Familienmitglieder enthüllt. Nicht ganz so bitter wie in dem Film „Das Fest“ des dänischen Regisseurs Vinterberg, an den ich denken musste, kommen traumatische Erlebnisse einzelner Protagonisten zum Vorschein, die großen Einfluss auf meine eigene Leserinnen-Haltung zu den Roman-Figuren haben. Wahrscheinlich ist es auch das, was ich besonders an diesem 250-Seiten-Buch mochte, die Tatsache, dass ich zum Beispiel für die anfänglich eher als sehr oberflächlich und anstrengend in ihrem „Forever young & sexy-Gestus“ wahrgenommene Schwester Rose am Ende Sympathien habe. Selbst für die Patriarchin Elisabeth, ein sehr harter Brocken, eine Mutter, die die „Erziehung zum Schweigen“ zu ihrem Mantra erhoben hat, habe ich am Ende fast Verständnis. Fazit: Eine gute Ferienlektüre, vielleicht kein großer Roman, aber viel Spannung, ohne ein Krimi zu sein.



Nach nur zwei Tagen war dann dieser Roman leider beendet, ich nahm das nächste Buch zur Hand, das ich in meinem Köfferchen nach Sizilien gebracht hatte. Als „neue Bloggerin“ interessierte mich dann doch Benedict Wells: „Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben.“ Benedict Wells gehört bislang nicht zu meinen Lieblingsautoren, das gefeierte „Vom Ende der Einsamkeit“ hatte ich auch gelesen, fand es aber eher „gefällig“ und konnte die allgemeine Euphorie nicht unbedingt teilen. Wie er zum Schreiben kam, das interessiert mich jedoch schon. Als dann auch noch vor meiner Abreise die Inhaberin von Schleichers, einer meiner Lieblingsbuchhandlungen in Berlin-Dahlem http://www.schleichersbuch.de, meinte, das Buch kommt bei allen Schreibenden gut an, hatte sie mich, ich nahm das schöne Diogenes-Buch mit. Was soll ich sagen? Das Lesebändchen verharrt aktuell auf Seite 69, das Buch wird wieder eingepackt und mit nach Berlin genommen, denn vielleicht ist es doch da sehr viel besser aufgehoben. Es beginnt in der Kindheit des Autors, aufgrund einiger familiärer Probleme in Internaten, dann führt es in das Berlin der Jahrtausendwende, als man noch für wenig Geld im Prenzelberg kleine Butzen mit Dusche in der Küche mieten konnte. Der angehende Schriftsteller hält sich mit Gelegenheitsjobs und dem Pizza-Service am Wochenende über Wasser. Hält aber trotz mancher Absage an seiner Vision der Schriftsteller-Existenz fest. Im bald grauen und herbstlichen Berlin bin ich für diesen Einstieg bestimmt in Stimmung, ein Urlaubsbuch ist es für mich aber eher nicht …

Ich suche also weiter und stöbere, denn – und das ist das, was ich allen reisenden Viel-Lesern raten möchte – mein Kindle befindet sich auch in meinem übersichtlichen Gepäck, das ist für mich im Ausland generell die „Nummer sicher“. Und ich habe natürlich auch schon im Kopf, was ich gerne mithilfe der Leseprobe für lau antesten möchte – Eve Babitz: „Sex & Rage“.
Auf Reisen schon sehr gut und dann „erlaubt“ – der Kindle, gerade dann, wenn die eingepackten Bücher auf Seite 50 stagnieren.

Und diese Leseprobe macht absolut Lust auf mehr. Ich lade also den Roman herunter und lese ihn in einem Zug. Modern – das ist das erste Adjektiv, das mir dazu einfällt. Die New York Times meint dazu: „intensiv, glamourös, rauschhaft und berauschend“, so zitiert der S. Fischer Verlag.
Jacaranda ist die Protagonistin des Romans, Surfer-Girl in Los Angeles, das in den 70er Jahren in eine Jet-Set-Clique stolpert, intensiv feiert und wie nebenher beginnt zu schreiben. Dies führt sie letztlich auch nach New York in die intellektuelle und nicht weniger spannende Verleger-Welt. Das alles klingt nach viel Oberfläche, aber es ist die Leichtigkeit und die Coolness der Hauptfigur, verknüpft mit vielen Kunst-Hinweisen, die den Reiz des Romans ausmachen. So wird zum Beispiel das Foto „Duchamp playing chess with a nude“ zitiert, das es tatsächlich gibt und auf dem wiederum Babitz die Nackte ist. An anderer Stelle werden sogar im Kontext der alten New Yorker Tante Lotte Lenya und Kurt Weill erwähnt, gerade diese unerwarteten Einsprengsel mag ich sehr.
Tatsächlich war ich der Meinung, dass dieses Buch „sehr frisch“ ist, ich hatte das Cover kürzlich in einer Berliner Buchhandlung gesehen und war sicher, es sei eine aktuelle Neuerscheinung. Erst beim Schreiben dieses Artikels recherchiere ich über die Autorin Eve Babitz. Sie ist im Alter von 78 Jahren 2021 verstorben. Babitz schrieb Artikel und Kurzgeschichten, u. a. für den Rolling Stone, die Vogue und den Esquire. „Sex & Rage“ ist bereits 1979 erschienen und wurde 2014 in den USA wiederentdeckt. Kaum zu glauben. Der Spiegel bezeichnet wiederum am 28.06.2024 die Ersterscheinung des Romans auf Deutsch als eine Renaissance der Babitz-Literatur – „Ein It-Girl schreibt über ein It-Girl“, so wird hier der Plot von „Sex & Rage“ zusammengefasst. Ein Stück großes der eigenen Biografie steckt wohl sicherlich in dieser Geschichte, mich macht das Buch definitiv neugierig auf weitere Veröffentlichungen der Autorin.



Nach so vielen US-Stories habe ich aber auch wieder Lust auf italienische Geschichten. Ein Buch, das ich bereits im April mit auf die Insel gebracht hatte, passt perfekt zu meiner Stimmung: „Nostalgia Siciliana“ von der in Berlin lebenden Halb-Italienerin Patrizia Di Stefano.
Es ist der Erstlingsroman der Autorin, ein wirklich gelungenes Debüt, wie ich finde. Protagonistin Tita, eine Berliner Grafikerin, das „alter Ego“ von Di Stefano, könnte man meinen, erfährt von dem Erbe ihres sizilianischen Onkels, um das sie sich nun kümmern muss. Also geht die Reise nach Ragusa, dem Heimatort ihres bereits verstorbenen Vaters Gianni, um zu klären, wie sie mit diesem Erbe umgehen kann und möchte. Das ist die Rahmenhandlung – das Spannende ist aber für mich die zweite Erzählebene, in der sich die Geschichte des „Gastarbeiters“ Gianni entfaltet, der in den 60er Jahren sein kleines Dorf auf der Insel verlässt, um in Deutschland eine Existenz zu gründen. Über Köln gelangt er dann im Winter 1962 nach Berlin, bei der Lektüre werde ich an spannende Orte erinnert, die ich noch von den ersten Besuchen meiner Berliner Verwandtschaft in den 70er Jahren kenne. So begegnet mir die „Disco“ – ja, so hieß das einst – „Big Apple“ auf der Bundesallee wieder. Am Sonntag auf dem Kurfürstendamm, die Cafés „Möhring“ und „Kranzler“ passierend, flaniert Gianni mit Franca, seiner großen Liebe, einer Berlinerin, mit der er eine Familie gründen wird.
Eine klassische Aufstiegsgeschichte entfaltet sich in diesem Roman, Gianni wird letztlich der Erfinder der Tiefkühltruhe-Pizza sein,
er betreibt außerdem das Restaurant „Il Gattopardo“ am Breitenbachplatz, an dem ich seltsamerweise viele Jahre auf meinem täglichen Weg ins Büro vorbeigefahren bin. Das alte West-Berlin trifft sich hier, ich warte beim Lesen schon fast auf das Eintreffen von Harald Juhnke oder Günther Pfitzmann. Die schwer arbeitende Italo-Gastro-Community trifft sich wiederum nach der Arbeit in einem Lokal am Kurfürstendamm. Ich stellte mir das Restaurant „Francucci“ gegenüber der „Schaubühne“ vor, als ich diese Szenen las. Es geht auch um Schutzgeld und Heimweh, Ankommen und Abgrenzen, all das ist locker und mitreißend erzählt. Die sizilianischen Szenen wiederum sind atmosphärisch sehr aufgeladen und wirken an manchen Stellen – für meinen Geschmack – auch ein wenig romantisiert.
Ich habe das Buch wahrscheinlich auch deswegen verschlungen, weil ich es in Trapani lese, dem Heimatort des Vaters meines Freundes, der ebenfalls in den 60er Jahren in Deutschland seine Familie gegründet hat. Die Insel ließ aber auch ihn nie los, ähnlich wie in dem Roman gab es auch in dieser Familie die langen und heißen Autoreisen in den großen Sommerferien der 70er Jahre mit zwei Kindern auf der Rückbank. Ein langer Ritt den gesamten „Stiefel“ hinunter bis nach Reggio di Calabria, um mit der Fähre dann nach Messina auf Sizilien zu gelangen. Die dann doch erschöpften Väter, die die ganze Zeit hinter dem Steuer saßen, die ersten italienischen Spezereien – wie Arrancine oder Panini mit hauchdünn geschnittener Mortadella – in den Raststätten namens „Autogrill“ am Rande der Autostrada, all das sind Erzählungen, die auch ich immer wieder hören wollte. Und genau auch das ist es, was für mich diesen Unterhaltungsroman ausmacht, er vermittelt sehr plastisch wahrscheinlich eigene Eindrücke, aber auch Emotionen, allen voran die Zerrissenheit des Vaters, so würde ich es nennen. Das Gefühl, in Deutschland der beliebte und charmante Gastronom, aber doch auch immer „der Italiener“ zu sein, während Gianni auf der Insel letztlich als der „Tedesco“ wahrgenommen wird. Unbedingt übrigens erwähnenswert: das schöne Cover im Sixties-Style, das die Autorin und Illustratorin selbst gestaltet hat.

Ein brandneues Italien-Buch ganz anderer Art hat wiederum Petra Reski gerade herausgebracht: „All‘ Italiana! Wie ich versuchte, Italienerin zu werden.“ Die Journalistin und Schriftstellerin folgte 1991 – damals noch als Stern-Redakteurin – ihrer großen Liebe, „dem Italiener meines Lebens“, wie sie ihn oft nennt, nach Venedig. In der Ära Berlusconi entwickelt sie das dringende Bedürfnis, als mit einem Italiener verheiratete Frau mit Wohnsitz Venezia selbst wählen zu dürfen. Ein weiter historischer und politischer Bogen wird von dieser Ausgangssituation gespannt. Er beginnt – auf der persönlichen Ebene – mit dem ersten Sprachkurs in der Toskana, es kommt kurz darauf zum Beginn der Liebesgeschichte, dann wird „der Italiener“ sogar Zeuge der Wiedervereinigung in Berlin. Als Journalistin nimmt mich Reski mit zu ihren Stories, sie lässt mich teilhaben an ihrer Liebe zu Palermo, in dem ich selbst noch einiges entdecken muss. Und natürlich ist die Mafia und die Verknüpfung mit dem Staat das zentrale Thema, die Ermordung der Staatsanwälte Falcone und Borsellino im Jahr 1992 hat dabei besonderen Stellenwert. Ich werde dieses sehr fakten- und kenntnisreiche Buch auf der Insel lassen, um immer einmal wieder nachzulesen, wie es von der Regierung Andreotti über die verheerende Ära Berlusconi letztlich zu Meloni kommen konnte. Es ist deutlich zu spüren, dass Reski einen sehr kritischen Blick auf diese Entwicklungen wirft, dabei auch nie ihre politische Haltung verbirgt. Auch das gefällt mir. Gleichzeitig wird aber immer ihre Liebe zu ihrer Wahlheimat Italien deutlich. Ach, und ich habe bei ihr ein Buch wiederentdeckt, das ich schon einmal in meiner Jugend gelesen habe: „Ich wollte Hosen“ von Lara Cardella, das 1989 für Furore sorgte, da es den Ausbruch eines sizilianischen Mädchens aus den klassischen Macho-Strukturen beschreibt. Ich werde es mir defintiv noch mal kaufen.
Und nein, das Reski-Buch habe ich auf Sizilien nicht mehr ganz geschafft, denn trotz der vielen Gelegenheiten, meine „Urlaubsbücher“ zu verschlingen, gibt es doch auch noch das eine oder andere, das auf der Insel Spaß macht. Ach ja, was bei mir übrigens immer wieder vorkommt, wenn mich eine Lektüre auf dem Kindle wirklich überzeugt hat: Ich kaufe es dann zu Hause gerne noch mal als wahres Buch nach, das ich dann auch an meine Freundinnen weitergeben kann. So ging es mir zuletzt mit „Altern“ von Elke Heidenreich, aber das ist jetzt wieder ein ganz anderes Thema … und definitiv auch nichts für die Insel!



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