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Mai 21, 2026

Bücher

Vom absoluten Lese-Flow, Phasen des Zauderns und dem wachsenden „SUB“ – dem Stapel ungelesener Bücher


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Eine kleine Schreibpause hat sich bei mir eingestellt, woran das lag? Vielleicht daran, dass ich nichts gelesen habe, worüber ich so wirklich berichten wollte? Sehr ungewöhnlich für mich, aber wenn ich meinen Blick auf der Couch sitzend zur Seite richte, dann offenbart sich etwas, das bestimmt viele passionierte Leser und Leserinnen allzu gut kennen: der Stapel ungelesener Bücher! Und meistens bleibt es nicht bei einem. Ein Phänomen, das viele Bookstagramerinnen aktuell beschäftigt, SUB – so heißt die Abkürzung. Tatsächlich habe ich kurz gestutzt, war mir „Sub“ bisher seit der Trash-Lektüre von „Fifty Shades of Grey“, die schon 15 Jahre her ist, nur als Kurzform von „submissive“ – (sexuell) unterwürfig bekannt. Auch der japanische Begriff „Tsundoku“ begegnet einem auf Social Media in diesem Kontext gerne – er wiederum bezeichnet „die Gewohnheit, Bücher zu kaufen und zu stapeln, ohne sie zu lesen. (…) eine Kombination aus tsunde-oku (Dinge stapeln / für später aufheben) und doku (lesen)“, klärt uns Wikipedia auf.

Darauf habe ich so gewartet – und nun liegt das Buch auf meinem „SUB“ …

Heute Morgen überlegte ich kurz, seit wann ich in diesem Jahr das Gefühl habe, dass mein Lese-Flow ein wenig ins Straucheln geraten ist, tatsächlich ging ich dann zeitlich noch weiter zurück. Mir fiel spontan mein alljährliches Vorweihnachtstreffen mit meiner guten Freundin Heike in der Kreuzberger „Osteria N. 1“ ein. Wir hatten an unseren pseudo-beiläufigen Fragen im Vorfeld gemerkt, dass wir dabei waren, das gleiche Buch für die jeweils andere als Weihnachtspräsent auszusuchen: Roger Willemsen, „Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Büchern“. So skurril es sich anhört, wir blieben bei dieser Idee und reichten bei Pasta und Primitivo genau dieses Buch in immerhin unterschiedlichen Verpackungen über den Tisch. Wir hatten beide dem Erscheinungsdatum entgegengefiebert, denn dieser unabhängige Geist und Ausnahme-Intellektuelle, dessen Todestag sich 2026 zum 10. Mal jährte, fehlt in Zeiten wie diesen so sehr. Umso bizarrer ist wiederum die Tatsache, dass auch dieses Buch, das genau meine Lieblingsthemen so scharfsinnig umkreist, auch auf meinem „SUB“ gelandet ist. In diesem Fall weiß ich, dass das kein Dauer-Liegeplatz sein wird, ich warte nur noch auf die richtige Stimmung, in dem dieses Buch zu meinem Begleiter wird, zumal die Essays auch einzeln gelesen werden können. Ich vermute, ich brauche dafür einen besonders wachen Geist, sobald ich einen Anflug davon in mir spüre, werde ich mir den 445-Seiten-Band aus dem Stapel fischen. Eines habe ich mir im Laufe meiner vielen Lesejahre jedoch zu eigen gemacht: Wenn es ein Buch innerhalb von ca. 50 Seiten nicht schafft, mich zu erreichen, zu interessieren, zu begeistern, dann ist es Zeit, es zu beenden. Willemsen beginnt sein Buch übrigens mit „10 Regeln für Leserinnen und Leser“, Regel 2 gefällt mir besonders gut, das hier zitierte „Rederecht“ ist bei mir nur eben in kritischen Fällen zeitlich limitiert:

Ich scrollte heute auf meinem iPhone durch die Bilder des Jahres – auf der Suche nach guten Büchern, die ich gekauft bzw. gelesen hatte, vielleicht sogar schon inszeniert für einen eventuellen Artikel. Ich blieb auf jeden Fall bei einer Autorin hängen, die ich schon seit bestimmt 25 Jahren wirklich sehr verehre: Siri Hustvedt!

Alle gelesen und daher aus dem Regal geholt und nicht vom SUB geklaubt.

Ich hatte mich mit eben jener Freundin Heike an einem Sonntag Ende März im wiedereröffneten „Kino International“ zur Matinee verabredet, um 11 Uhr fand hier direkt an der Berlin-Marathon-Strecke auf der Karl-Marx-Allee die Preview des Dokumentarfilms „Siri Hustvedt – Dance around the self“ statt. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Ehemanns Paul Auster wurde auch in Deutschland Hustvedts Buch „Ghost Stories“ veröffentlicht, das ich gleich am ersten Erscheinungstag bei Schleichers in Dahlem, einem meiner Lieblingsbuchläden, gekauft hatte. Ich war schon vorab der Meinung, das wird mein nächster Blog-Beitrag, ganz klar! Und dann geriet ich einfach nicht in den Sog dieses autofiktionalen Buches, das sich mit dem Tod Paul Austers und der Trauer um den „Lebensmenschen“ – so nennt Hustvedt ihren Mann – sehr intensiv auseinandersetzt. Als ich dann diesen bemerkenswerten Dokumentarfilm von Sabine Lidl, die das prominente Schrifststeller-Paar in Brooklyn viele Jahre begleitet hat, sehr begeistert sah, war dies der Moment, da ich das Buch wieder in die Hand nahm und in mein Köfferchen für die Osterreise nach Sizilien legte.

Am Strand von San Vito lo Capo entstand dann auch dieses mittige Bild, was es allerdings nicht zeigt: Die „Ghost Stories“ waren nicht die richtige Lektüre für das quirlige Sizilien, ich kam ca. 10 Seiten voran und nahm das Buch fast unberührt wieder mit zurück nach Berlin. Dort nahm ich allerdings den Faden wieder auf, ich stimmte mich ein mit „Der schönen Lesung“, die Radioeins am 28.03.2026 im Großen Sendesaal aufgezeichnet hatte, Siri Hustvedt im Gespräch mit Thomas Böhm, aus ihrem Buch liest Martina Gedeck, ein absolut bewegendes Feature. Ja, und danach gab es dann also den 3. Versuch, in dem ich das Buch an einem Stück gelesen habe. So kann es also auch gehen – ein Etappen-Lesen, dieser besonderen Autorin habe ich das „Rederecht“ definitiv gerne eingeräumt, das Buch mit seiner entwaffnenden Ehrlichkeit und den brillanten Intellekt der Siri Hustvedt letztlich sehr genossen. Es kommt also immer auf den richtigen Moment an und die Verfassung, in der man sich selbst befindet. Ok, das ist jetzt keine bahnbrechende neue Erkenntnis, sondern für mich eher eine kleine besänftigende Selbsteinrede angesichts des stetig wachsenden Bücherbergs. Dieses Hustvedt-Buch ist definitiv eine Lektüre für zu Hause, sie verlangt nach viel Ruhe und Konzentration, Raum, der es zulässt, parallel dazu ein anderes Werk der Autorin zur Hand zu nehmen, das in den „Ghost Stories“ erwähnt ist. Ich geriet so in den Hustvedt-Kosmos, war auch interessiert an meinen alten Notizen in den Büchern, die mich auf die Zeit zurückwarfen, als ich diese geschrieben habe. Das ist das Wunderbare als Leserin und Bücher-Sammlerin, wenn man eine Autorin hat, die einen schon viele Jahre lang begleitet, dann wird das Wiederlesen eines älteren Werks schnell zu einem gratis Selbsterfahrungs-Trip.

Auf Reisen stellt sich wiederum bei mir im Laufe der Jahre ein ganz anderes Phänomen ein – das unruhige, umherflirrende „random-reading“ im Kindle.

Flirrendes „random-reading“ auf Reisen

Das Urlaubs-„Doomscrolling“ auf Insta führt dann bei mir zu einer – wenn man es nett ausdrücken möchte – breiten Range an Lektüre-Versuchen. Nach dem Dennis Scheck versus Passmann-und-von Kürty-Schlagabtausch wollte ich auch wissen, worum es geht, lud daher die Leseprobe von „Alt genug“ herunter und kaufte dann sogar auch noch das Download. Da im Grunde medial schon fast alles dazu gesagt ist, gehe ich hier auch gar nicht näher darauf ein. Andere Leseproben blieben Leseproben – so z. B. „Pina fällt aus“ und „Ava liebt noch“ von Vera Zischke. Bei dem Buch von Helene Bukowski „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ war ich zu Hause wiederum traurig, dass ich nun keine Printversion im Regal stehen habe.

Die Krux beim digitalen Lesen ist für mich nicht nur, dass ich das Buch nicht „haben“, also nicht anfassen kann, sondern dass sich das Gelesene nicht nachhaltig in mir verankern möchte.

Allzu oft ertappe ich mich dabei, dass ich in Buchhandlungen das bereits auf dem Kindle Gelesene nochmals als Print in den Händen halte, da es sich für mich wie ein neues Buch anfühlt. „Skimming“ – flacheres Lesen, so wird dies inzwischen in Studien bezeichnet – dem gegenüber steht das intensive „deep reading“, das auch die räumliche Orientierung im gedruckten Buch mit sich bringt. Ich kann mich noch allzu gut an die Reisen in frühen Jahren erinnern, schon beim Packen war mir klar, dass die Buchauswahl später heikel werden könnte, hoffte, dass ich am Urlaubsort ggf. auf die von anderen Touristen hinterlassenen Paperbacks zurückgreifen könnte. Wie frei kann ich hingegen mit leichtem Gepäck heute in der Ferne literarisch aufspielen – und dennoch werde ich wohl auf ewig zum Team „deep reading“ zwischen zwei realen Buchdeckeln gehören.

Es gibt sie immer wieder: Die Momente, da ich auf das Datum einer Neuerscheinung lauere, auch mal am Wochenende notfalls drei Buchhandlungen anfahre, um das ersehnte Buch dann auch gleich lesen zu können. Bei dieser neuen Bachmann-Biografie von Andrea Stoll – „Zwei Menschen sind in mir“ – wollte ich nichts dem Zufall überlassen und steuerte gleich das Kulturkaufhaus Dussmann auf der Friedrichstraße an – die Nummer sicher für alle Bücher-Freaks. Anlässlich des 100. Geburtstags, den Ingeborg Bachmann am 25. Juni 2026 gefeiert hätte, gibt es eine Flut an Neuerscheinungen oder auch Neuauflagen ihrer eigenen Werke. Ein großes Regal war der Autorin vorbehalten, richtig happy war ich mit meiner Beute, die ich in der schönen Lyrikerinnen-Stofftasche aus dem Suhrkamp-Verlag nach Hause trug. Tja, was soll ich sagen, aktuell stagniere ich auf Seite 70, habe die magische 50 immerhin geknackt, kann dabei noch gar nicht so recht sagen, woran es letztlich liegt, dass der Flow stagniert, obwohl ich bereits in der spannenden Lebensphase der Bachmann als Studentin in Wien angekommen bin. Habe ich mich vielleicht auch an Bachmann-Biographischem einfach „überfressen“? Brauche ich eine Pause von genau diesem Stoff, um ihn wieder genießen zu können, denn erst im Januar 2025 habe ich für meinen Blog-Beitrag über Ingeborg Bachmann und Max Frisch zahlreiche Bücher zu diesem Sujet verschlungen. Was außerdem passiert sein kann: Ich nahm im Vorbeigehen auch noch Shelly Kupferbergs „Stunden wie Tage“ mit, die Geschichte eines Mietwohnhauses im Bayerischen Viertel in Schöneberg sowie die Lebenserzählung der darin über Jahre wohnenden „Hausbesorgerin“ und jener bewegenden der jüdischen Grundstückseigentümer. Eine Art Chronik, der ich mich nicht mehr entziehen konnte, was ich auf den ersten Blick von dem Buch nicht unbedingt erwartet habe. Und so hat dieser Roman der Bachmann-Biografie an dem 1. Mai-Wochenende definitiv den Rang abgelaufen. Wie bereits an dem Titel-Bild dieses Beitrags zu sehen ist, liegt das Buch „Zwei Menschen sind in mir“ aktuell auf meinem „SUB“, aber ich unke, die Chancen stehen recht gut, dass das so nicht bleiben wird.

Macht einfach Spaß, Meike Winnemuths Lesebegeisterung zu teilen

Auch dieses Buch von Meike Winnemuth gehört zu den Veröffentlichungen, auf die ich mich so richtig gefreut habe. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich habe es in drei Tagen verschlungen, nicht einen Moment war es in Gefahr, auf dem „SUB“ zu landen. „Das große Los“ – mit diesem Buch lernte ich Meike Winnemuth vor ca. 15 Jahren kennen, ja, genauso fühlt es sich an. Sie hatte mit Ende 40 bei Günther Jauch 500.000,- € gewonnen und reiste daraufhin ein Jahr lang um die Welt. Jeden Monat eine neue Stadt, Orte, die schon lange auf ihrer Bucket-list standen, so z. B. Sydney, Buenos Aires, San Francisco, aber auch Addis Abeba und Tel Aviv, um nur einige zu nennen. Als freie Journalistin arbeitete sie auch aus der Ferne und ließ ihre Leserinnen an ihren Abenteuern teilhaben, schrieb einen Blog und erhielt so viele Tipps und Einladungen, denen sie vor Ort spontan nachging. Dieses Buch hat mich damals ermutigt, meinen eigenen Radius und meine Komfort-Zone zu erweitern, zu schauen, was ich noch erleben möchte, und dann eben auch loszulegen. Meike Winnemuth war ein absolutes Role Model, da sie mich mit ihrer Abenteuerlust und ihrer Selbstständigkeit nachhaltig inspirierte.

15 Jahre später inspiriert sie nun mit einer ganz anderen Entdeckungsfreude – einer literarischen, denn in diesem Buch wird auf jeder Seite ihre Liebe zur Literatur und zum Lesen deutlich. Sie wandelt auf den Spuren von Virginia Woolf, kein Pfund ist ihr dabei als Investment zu viel, das kann ich so gut verstehen, denn genauso erging es mir, als ich mich auf den Weg nach Sanary-sur-mer machte, um den Spirit der Exil-Literaten vor Ort zu fühlen. In „Eine Seite noch“ begleite ich Meike Winnemuth durch einen Sommer voller Bücher, von Mai bis Oktober wird gelesen, über Literatur nachgedacht, neue Genres werden erprobt, literarische Orte angesteuert und kleine Experimente gewagt. Neugierig bin ich zum Beispiel auf „Silent Reading“ geworden, habe auch gleich erspäht, dass das Literarische Colloqium Am Wannsee das im Sommer im Garten anbietet. Menschen kommen zusammen und lesen in ihren Büchern, klingt banal, aber scheint „etwas mit den Lesenden zu machen“, ich werde es ausprobieren. Ach, Winnemuth brachte mich außerdem auf einen wunderbaren Literatur-Podcast, der bislang absolut an mir vorbeigegangen ist und wohl bereits eine riesige Fangemeinde hat: eat.READ.sleep – ich startete mit einer Folge über Thomas Mann und bin begeistert. Und genau das ist es, was ein gutes Buch für mich auch ausmacht, es stiftet mich an zu neuen Dingen, lässt mich aber auch Altes wieder neu entdecken. Denn wie Meike Winnemuth bin auch ich der Meinung, dass eine „Mrs Dalloway“ so gar nichts für mich als Abiturientin war, da es um einen Tag im Juni 1923 im Leben der 52-jährigen Clarissa Dalloway geht, die ihre Abendgesellschaft vorbereitet. Die Handlung ist im Grunde ein innerer Monolog, ein Gedankenkarussell über verpasste Chancen im Leben, Enttäuschungen und tradierte Rollenzuschreibungen. „Stream of Consciousness“ hieß das Zauberwort in der Englisch-Abi-Klausur über Virginia Woolf. Und ich pflichte Winnemuth so bei, da sie behauptet, auch Bücher müssten Altersempfehlungen tragen, denn hier wäre es ganz klar ein „Ab 40“, daher habe ich beschlossen, jenseits der 50 „Mrs Dalloway“ nochmals eine zweite Chance zu geben, denn bei dem Thema „verpasste Chancen“ kann ich inzwischen definitiv mitreden.

Sind Bücherliebende also „elende Snobs“, skurrile Freaks oder um sich kreisende Nerds? Diese Frage erörtert Winnemuth mit einem alten Studienfreund, der eine Antwort liefert, die ich ganz einfach liebe:

Und so ergab es sich, dass mich dieses Buch über das Lesen und die Leidenschaft für Bücher in dieser Maiwoche wieder zurückbrachte in den Flow und zu mir selbst, klingt pathetisch, aber genauso fühlt es sich an. Ich schließe also mit einer absoluten Lese-Empfehlung und der Ermutigung, selbst dann weitere Bücher zu kaufen, auch wenn der eigene „SUB“ dadurch wächst und wächst, vielleicht sollten wir diesen Stapel eher als Schatz und nicht als Mahnung betrachten, denn jedes Buch braucht seinen Moment, und eventuell steht ja auf manchem die Altersempfehlung „erst ab 70“ …

Im Mai auf den Spuren von Simone de Beauvoir im Jardin du Luxembourg

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