
„Ein Kessel Buntes“ ist’s am Ende geworden – diese Bücher haben mich 2025 in ihren Bann gezogen, ich bin aber sehr sicher, sie lassen sich auch im neuen Jahr ausgesprochen gut lesen.
Viele von uns lassen am Ende eines jeden Jahres die letzten 12 Monate Revue passieren. War es ein gutes Jahr, gab es viele positive private Momente? Was lief nicht ganz so gut? Wie sah es aus in der Welt? Wo stehe ich, und wo will ich hin mit mir im nächsten Jahr? Was mir außerdem noch durch den Kopf spukt, ist jedes Jahr dasselbe: Was habe ich gelesen – und was davon hat mich beeindruckt, begeistert und klingt womöglich sogar noch Monate später in mir nach? Ich könnte jetzt natürlich schauen, worüber ich bereits alles 2025 geschrieben habe, allerdings waren dies oft auch themenbezogene Lektüren, rechts und links davon sind mir so viel mehr Titel begegnet, die in den Blog-Beiträgen keinen Platz gefunden haben. Mit dieser Best-of-Liste befinde ich mich natürlich in guter Gesellschaft, viele Bookstagramerinnen haben noch pünktlich zu Weihnachten ihre Top 10 gepostet, ich habe mir hingegen Zeit gelassen – und den Jahresstart gemütlich mit viel neuer Lektüre begonnen.

Und vielleicht ist das ja auch mein „Mantra 2026“ – mehr in meinem Tempo zu machen, egal, welchen Takt die (mediale) Welt gerade so vorgibt. Manchmal muss ich ganz einfach erst wieder viel Neues intensiv lesen, bevor ich die Lektüre für mich „sortiere“ und dann erst über die eine oder andere schreiben möchte. In diesem Artikel wird auch nicht jedem Buch die gleiche Menge an Worten gewidmet, das hat allerdings nie mit der Wertigkeit des jeweiligen Texts zu tun, ist eher meinem spontanen Erinnern geschuldet. Die Reihenfolge ist übrigens auch eher willkürlich, sie könnte genauso gut umgedreht sein, jedes Buch und jede Autorin oder jeder Autor sind es aus meiner Sicht absolut wert, gelesen zu werden. Auf jeden Fall geht es inhaltlich wieder um sehr viele Frauen, die mich begleitet, begeistert, erschüttert und nachhaltig beschäftigt haben.
1. Doris Dörrie: Wohnen
Das Erinnern spielt bei Doris Dörrie eine besondere Rolle – und nicht nur in dem schönen im Hanser-Verlag erschienenen Essay-Band mit dem Titel „Wohnen“. Vor einiger Zeit machte ich einen Schreib-Workshop bei der vor allem als Regisseurin bekannten, sehr empfehlenswerten Autorin. Spontanes und biographisches Schreiben war das Thema, eingeleitet mit dem Satz „Ich erinnere mich an den Fußboden in der Wohnung meiner Kindheit …“. Dazu fiel mir tatsächlich einiges ein. Ich schrieb in den vorgegebenen 10 Minuten unter Hochdruck, ohne auch nur einmal den Bleistift abzusetzen.
„Wir tragen den Ort, an dem wir aufgewachsen sind, für immer in uns, und wenn wir Glück haben, war es ein geschützter, sicherer Ort.“ (Dörrie, S. 14)
In den Räumen der Kindheit bewegt sich Dörrie auch in diesem kleinen Band, aber auch in den Wohnungen und Häusern ihres Erwachsenenlebens, sie nimmt die Leserin mit auf ihre Reisen nach Japan oder auf ein Studenten-Jahr in L.A. Architektur, Style oder Prestige, Themen, die mit Wohnen auch eng verbunden sind, werden eher gestreift, es geht vor allem um die Bedeutung des uns umgebenden Raums für unsere eigene Persönlichkeit und die Frage: Wie werden wir durch Räume geprägt? Ein Ortswechsel kann ein neues Lebenskapitel aufschlagen, ein Raum kann ein Zufluchts- und Schutzort sein, vier Wände können aber auch einengen oder die Person darin kleinmachen.

Es ist ein biografischer, aber auch gesellschaftlicher Exkurs über die „Dinge des Lebens“, an vielen Stellen blitzen bei mir die eigenen Erinnerungen auf, immer wenn einem Text das gelingt, dann ist er für mich ein guter Text, der noch nachklingt. Ich habe das Buch bereits zwei Mal verschenkt und kann es absolut empfehlen.
2. Christoph Hein: Das Narrenschiff
Ein großer Sprung vom schmalen Essay-Band „Wohnen“ zu Christoph Heins opulentem „Narrenschiff“, zugegeben ein wahrer Wälzer, der mich in der sommerlichen Hängematte sehr in seinen Bann gezogen hat. Aufgrund der Seitenzahl war ich der Meinung, es sei ein Buch für den „advanced reader“, allerdings war es tatsächlich 2025 ein absoluter Beststeller im Buchhandel, was mich sehr freut und zuversichtlich zum Thema Leseverhalten in Deutschland macht.

„Ein epochaler Roman über die Geschichte der DDR“, so der Teaser der Suhrkamp-Verlags. Klingt eher dröge, aber so ist es ganz und gar nicht. Christoph Hein, der 1944 geboren ist, beherrscht es nach wie vor, seine Leser zu fesseln, und das auf 750 Seiten, die niemals langweilig werden. Dies liegt vor allem an den sehr plastisch gezeichneten Personen: Drei Männer, die der Führungsriege des neu aufgebauten Staates nahestehen, und ihre Frauen – deren Entwicklungen im Roman ich besonders faszinierend finde – stehen im Zentrum des Romans. Spannend ist es, anhand dieser Biografien zu sehen, wie der ursprünglich nach 1945 gut gedachte Neuanfang sich in ein System entwickelt, von dem sich die Protagonisten, aber auch deren nachkommenden Generationen mehr und mehr entfernen. Biografische Brüche, Lebenslügen, Opportunismus, Betrug, Affären – dies sind nur einige Themen, die sich hier entfalten. Dazu gibt es viel Geschichte ohne Lehrerattitüde, fulminant greifen die Erzählstränge und die darin vorkommenden Figuren ineinander, ein richtig kompaktes Leseerlebnis, das an das Bingen einer Serie mit Niveau erinnert. Also bitte nicht von den vielen Seiten abschrecken lassen, das Buch ist ein absoluter „Page-Turner“, unbedingt lesen.
3. Annett Gröschner: Schwebende Lasten

Und tatsächlich bleibe ich erst mal thematisch in der DDR, denn auf meinem Titelbild fehlt ein Roman, der definitiv zu meinen Büchern des Jahres gehört, aber leider bei mir nur auf dem Kindle geladen ist: Annett Gröschner – „Schwebende Lasten“. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025 und meine heimliche Gewinnerin. Die Geschichte der Floristin und Kranführerin Hanna Krause hat mich durch meinen sommerlichen, sehr speziellen Aufenthalt in der Schlamm-Grotte von Abano getragen. Die komplette Kritik gibt’s auch in meinem dort verfassten Blog-Beitrag nachzulesen. Hier nur so viel:
Annett Gröschner erzählt ein ganzes Leben und somit gleich ein deutsches Jahrhundert. Hanna Krause ist die Protoganistin dieses Romans, von der Blumenbinderin in Berlin zur Kranführerin in Magdeburg begleitet die Leserin diese ausgesprochen resiliente Arbeiterin, die im Kaiserreich geboren wird, durch zwei Weltkriege, zwei Diktaturen und zwei Demokratien. Die Selbstlosigkeit und die Kraft dieser Hauptfigur lösen bei mir Respekt aus, einige Male ist Hannas Credo – „einfach anständig bleiben zu wollen“ – erwähnt. So knapp formuliert klingt es einfach, aber wie wir alle wissen, gestaltet sich diese Haltung in der Realität weitaus schwieriger. Wahrscheinlich ist es aber auch jene „universelle Sache“, die für mich dieses Buch auf meine Jahresbesten-Liste gebracht hat, ich würde sie so zusammenfassen:
Hanna ist eine jener starken und selbstlosen Frauen in den zahlreichen Gesellschaften dieser Welt, die „das Rad am Laufen halten“ und in den Geschichtsbüchern doch oft unerwähnt bleiben.
4. Bettina Flitner: Meine Mutter
Ein Frauen-Leben ganz anderer Art ist das der Mutter der Fotografin und Autorin Bettina Flitner. Sie ist eine Meisterin des autobiographischen Schreibens, wie ich finde, bereits das Buch „Meine Schwester“ hat mich, die ich auch eine Schwester bin, tief beeindruckt, ich konnte es nicht aus der Hand legen. Nun lerne ich die Mutter der beiden Töchter kennen, ein Thema vereint beide Bücher: der Suizid, den sowohl die Mutter als auch die Schwester begehen. Ein sehr intimes Thema, das Bettina Flitner nüchtern im Ton, oftmals schonungslos offen und dennoch sensibel erzählt und analysiert. Die Ich-Autorin reist dazu auch in den Herkunftsort der Familie im heutigen Polen, hier besaß die Familie eine Art „Zauberberg“ in Schlesien, ein Sanatorium, in dem im Grunde die Wurzeln dieser Geschichte zu vermuten sind und das transgenerationale Trauma seinen Anfang nimmt.

Die Mutter erlebt im Nachkriegs-Westdeutschland eine sehr typische weibliche Biographie, an der Seite eines erfolgreichen Mannes erzieht sie ihre Kinder und leidet unter der Abgeschiedenheit, die die Rolle als Mutter und Frau des Hauses für sie bereithält. Psychische Probleme werden schon sehr früh spürbar und führen mit Konsequenz zu diesem letzten Schritt. Ein hartes, aber auch wichtiges Buch, das betroffen macht. Es hinterlässt aber bei mir auch eine Art Erleichterung, in eine andere Zeit hineingeboren worden zu sein, denn viele Züge dieser Mutter erinnern mich auch an meine eigene, die 1936 geboren ebenfalls ein Kind ihrer Zeit war.
5. My all-time-favourite: Mascha Kaléko – gleich drei Bücher haben es auf meine Liste geschafft: ein sehr schön gestalteter Gedichtband, ein besonderer Roman über sie und eine neue, wichtige Biographie
Und weiter geht es mit einer besonderen Frau, der ich bereits in diesem Jahr einen ganz eigenen Artikel gewidmet habe – my all-time favourite Mascha Kaléko!
2025 jährte sich der Todestag der Lyrikerin zum 50. Mal, ein Anlass, der zu einigen Veröffentlichungen führte. Allen voran ist sicherlich der schöne DTV-Gedichtband mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann zu erwähnen: „Ich tat die Augen auf und sah das Helle“.
Der Erstlingsroman von Sarah Lorenz – „Mit Dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ – erschien auch im vergangenen Jahr und entwickelte sich zu einem Bestseller. Eine wirklich sehr gekonnte Verknüpfung der eigenen herausfordernden Biografie mit der von Mascha Kaléko, deren Gedichte hier als Mutmacher der Ich-Erzählerin fungieren und jedem Kapitel vorangestellt sind. Wir erleben eine Art Dialog zwischen der Erzählerin und der Dichterin, Sarah Lorenz beschreibt dabei sehr treffend die Wirkung der Mascha-Gedichte, oftmals denke ich, ja, genauso geht’s mir auch:
„Ich finde Widersprüche faszinierend, das ist es auch, was ich an deinen Gedichten so schätze, du verbindest das Schwere, kaum zu Ertragende mit einem Witz und einer Leichtigkeit, die zunächst konträr erscheinen. Dabei sind sie das gar nicht, sie bilden das Leben ab und spenden Hoffnung.“ (Lorenz, S. 131)

Zahlreiche Kaléko-Veranstaltungen gab es zudem im vergangenen Jahr, ich hatte das Glück, Tickets für den 9. November 2025 im Großen Sendesaal des RBB zu ergattern, „Die schöne Lesung“ (über den Link nachzuhören) mit einer Hommage an Mascha Kaléko mit der großartigen Nina Kunzendorf, die ausgewählte Gedichte las, dazu Dota Kehr, die ohnehin eine ganz besondere Art der musikalischen Kaléko-Interpretation geschaffen hat. Im Zentrum stand aber auch die sehr lesenswerte Biographie von Volker Weidermann: „Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens“, aus der der Autor selbst las. Es geht um die erste Reise nach Deutschland, die Mascha Kaléko 1956 nach den vielen Jahren im Exil unternahm. Viele spannende, teilweise auch erschütternde Beobachtungen über den Literaturbetrieb in den ersten Jahren der Bundesrepublik Deutschland teilt Weidermann mit seinen Lesern. Besonders berührend ist eine Passage, in der der Autor – aus der Perspektive der Dichterin – eine Art Lebensbilanz angesichts ihrer Erlebnisse bei der Rückkehr nach Deutschland formuliert:
„Das Jahr 1956 war ein Rausch gewesen, aus dem Nebel längst vergangener Zeiten war der Mensch wieder aufgetaucht, der sie einmal gewesen war. Es war ihr Leben vor ihr aufgetaucht, das sie hätte leben können, wenn die Deutschen sie nicht verfolgt und aus dem Land gejagt hätten.“ (Weidermann, S. 198)

Das waren vorerst nur sieben von vierzehn Büchern, die mich in diesem Jahr besonders begeistert haben. Kleiner „Cliffhanger“: In Teil zwei meiner „Leseliste 2025“ geht es literarisch in die Ferne: nach Pacific Palisades, Lagos und Sanary-sur-mer und auch immer wieder in das Berlin der 20er und 30er Jahre. An Letzterem wird sich wahrscheinlich auch 2026 nichts ändern.
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